Wenn man etwas genauer über das Konzept „Freundschaften“ nachdenkt…

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Ich beschäftige mich nun schon seit Monaten, wenn nicht sogar seit Jahren, mit der Frage, warum sich Freundschaften in meinem Leben immer wieder wie ein ziemlich merkwürdiger roter Faden verhalten: Sie entstehen, entwickeln sich, werden enger, manchmal richtig wichtig und irgendwann lösen sie sich wieder auf. Dann bildet sich eine neue Freundschaft, die irgendwann ebenfalls wieder verschwindet, manchmal schleichend, manchmal mit einem deutlichen Knall und gelegentlich auch mit einer ausgesprochen offiziellen Kündigung. Und dann beginnt das Spiel von vorne.

Neu bilden, auflösen, neu bilden, auflösen, Freundschaft kündigen, neue Menschen kennenlernen und das Ganze bitte wieder von vorne. Es ist faszinierend, wie viel Bewegung man in etwas bekommen kann, das eigentlich als stabile soziale Beziehung gedacht war. Ich habe dazu bereits mal berichtet im Blogbeitrag “Wenn Menschen verschwinden und man sich selbst findet„.

Was mich daran besonders beschäftigt, ist allerdings nicht nur meine eigene Geschichte. Inzwischen höre und lese ich immer häufiger von anderen neurodivergenten Menschen ganz ähnliche Erfahrungen. Gerade in Beiträgen auf Instagram von Menschen, die über ihr eigenes neurodivergentes Leben berichten oder über ihre neurodivergenten Kinder, taucht das Thema Freundschaften erstaunlich regelmäßig auf - vor allem über wenig existierende Freundschaften von pflegenden Eltern neurodivergenter Kinder. Und ich muss dabei immer wieder schmunzeln und gleichzeitig sehr zustimmend mit dem Kopf nicken, wenn beschrieben wird, dass Freundschaften nach einer bestimmten Zeit einfach nicht mehr funktionieren.

Manche halten sechs Monate, andere ein paar wenige Jahre. Manche schleichen sich irgendwann aus, weil der Kontakt immer weniger wird, bis beide Seiten vermutlich gar nicht mehr genau wissen, wann eigentlich der letzte richtige Kontakt stattgefunden hat. Andere werden ziemlich eindeutig beendet und dazwischen scheint es erstaunlich wenig zu geben. Zumindest fühlt es sich für mich manchmal so an.

Und irgendwann hatte ich einen Gedanken.

Eine Bewerbung! Nicht im übertragenen Sinne, sondern tatsächlich eine Bewerbung. Einen Fragebogen. Einen Antrag. Ein Formular. Etwas, was das Thema Freundschaft einfacher macht oder zumindest besser einzuschätzen ob der Investition von Zeit und Energie der Social Battery. 

Eine Bewerbung um eine Freundschaft.

Natürlich nicht, weil ich glaube, dass zwischenmenschliche Beziehungen tatsächlich nach dem Prinzip „Bewerbung einreichen, Prüfung durchführen, Bewerber auswählen“ funktionieren sollten. Obwohl ich zugeben muss, dass der Gedanke gewisse Vorteile hätte. Man könnte sich beispielsweise schon vor Beginn einer Freundschaft darüber informieren, wie der andere Mensch eigentlich mit Kommunikation, Konflikten, Grenzen, Nähe, Rückzug, Verbindlichkeit und emotionalen Bedürfnissen umgeht.

Man müsste nicht erst nach zwei Jahren feststellen, dass „Wir hören uns regelmäßig“ für die eine Person bedeutet, mindestens dreimal pro Woche zu telefonieren, während die andere damit eigentlich meint, dass man sich im nächsten halben Jahr irgendwann mal wieder eine Sprachnachricht schickt.

Und genau daraus entstand die Idee für diesen Fragebogen.

Ich habe mich also hingesetzt und angefangen, eine Art Bewerbungsformular für eine platonische Freundschaft zu entwerfen. Natürlich zunächst ausschließlich aus Spaß. Ich wollte dieses völlig übertriebene Bewerbungs- und Personalabteilungsprinzip auf die Spitze treiben und daraus eine Mischung aus Bewerbungsunterlagen, Behördenformular und zwischenmenschlichem Eignungstest basteln.

Wobei ich beim Begriff „behördentauglich“ natürlich vorsichtig sein muss. Behörden haben schließlich eine ganz eigene Auffassung davon, wie ein Formular funktioniert, welches Formular für welches Formular zuständig ist und warum man für die Beantragung eines Formulars zunächst ein anderes Formular benötigt, das man selbstverständlich nur nach persönlicher Vorsprache mit einem Formular beantragen darf. Aber das ist ein anderes Thema. Den Passierschein A38 kennt hier sicher jeder..?! 

Je länger ich allerdings an diesem eigentlich als Witz gedachten Formular gearbeitet habe, desto interessanter fand ich die Idee dahinter. Denn wenn man den ganzen Bewerbungsklamauk einmal weglässt, steckt darin tatsächlich eine ziemlich spannende Frage: Was wäre, wenn wir bei Freundschaften viel früher und viel offener darüber sprechen würden, was wir eigentlich voneinander in Bezug auf Freundschaft erwarten?

Gerade für neurodivergente Menschen könnte das einige Missverständnisse vermeiden

Ob Neurodivergente Menschen grundsätzlich keine Freundschaften führen könnten oder Freundschaften untereinander komplizierter wären, wäre eine ziemlich unsinnige Schlussfolgerung. Aber Kommunikation, soziale Erwartungen, Reizverarbeitung, Rückzug, Nähebedürfnis und der Umgang mit unausgesprochenen sozialen Regeln können sich bei neurodivergenten Menschen teilweise anders gestalten. Und wenn zwei Menschen mit völlig unterschiedlichen Vorstellungen davon in eine Freundschaft starten, kann es irgendwann ziemlich schwierig werden, herauszufinden, wo genau eigentlich das Problem liegt. 

Vielleicht wäre es manchmal ganz hilfreich, wenn man einfach vorher fragen würde.

  • Wie viel Kontakt brauchst du eigentlich?
  • Was bedeutet Freundschaft für dich?
  • Was bedeutet Verbindlichkeit?
  • Wie gehst du mit Konflikten um?
  • Was passiert bei dir, wenn dein sozialer Akku leer ist?
  • Wie möchtest du, dass man mit dir umgeht, wenn du dich zurückziehst?
  • Wie zeigst du Zuneigung?
  • Welche Grenzen hast du und wie gehst du mit den Grenzen anderer Menschen um?
  • Was kannst du in einer Freundschaft geben und was kannst du vielleicht gerade nicht leisten?
  • Und vor allem: Was erwartest du eigentlich von mir?

Das klingt zunächst ziemlich unromantisch, wenn man bei Freundschaft überhaupt von romantisch sprechen möchte. Gleichzeitig finde ich den Gedanken inzwischen ausgesprochen charmant. Denn vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn zwei Menschen nicht erst jahrelang versuchen müssen, die Bedienungsanleitung des jeweils anderen zwischen den Zeilen zu entziffern.

Natürlich funktioniert ein Fragebogen nicht als Garantie dafür, dass eine Freundschaft funktioniert. Menschen verändern sich, Lebenssituationen verändern sich und auch die Bedürfnisse innerhalb einer Freundschaft können sich verändern. Niemand kann auf einem Formular ankreuzen, dass er in drei Jahren garantiert noch genauso tickt wie heute. Das wäre zu einfach… 

Aber man könnte zumindest einmal miteinander darüber sprechen, was „Freundschaft“ für beide überhaupt bedeutet.

Und deshalb ist dieser Fragebogen natürlich ausdrücklich nicht nur für Menschen gedacht, die selbst neurodivergent sind. Im Gegenteil. Ich finde den Gedanken sogar ziemlich spannend für neurotypische Menschen, die eine Freundschaft mit einer neurodivergenten Person eingehen möchten. Denn man muss nicht selbst neurodivergent sein, um zu verstehen, dass der Mensch gegenüber möglicherweise andere Bedürfnisse hat als man selbst. Und dafür muss es nicht mal um Neurodivergenz oder das neurotypische Muster gehen.

Vielleicht braucht diese Person nach einem gemeinsamen Abend zwei Tage Ruhe. Vielleicht bedeutet eine unbeantwortete Nachricht nicht, dass sie beleidigt ist, kein Interesse mehr hat oder gerade die Freundschaft beendet. Vielleicht ist eine spontane Planänderung für sie wesentlich belastender als für andere Menschen. Vielleicht werden manche Dinge sehr direkt ausgesprochen, weil indirekte Kommunikation schlicht nicht funktioniert. Vielleicht braucht sie klare Worte, eindeutige Absprachen und die Sicherheit, dass ein „Nein“ tatsächlich ein „Nein“ sein darf, ohne dass daraus gleich eine persönliche Krise entsteht oder Raum für Interpretation öffnet.

Und vielleicht ist es umgekehrt genauso wichtig, dass die neurodivergente Person versteht, dass andere Menschen ebenfalls Bedürfnisse, Grenzen und Kommunikationsweisen haben.

Genau deshalb soll dieser Fragebogen auch kein „So musst du mit neurodivergenten Menschen umgehen“-Leitfaden sein. Er soll eher eine Einladung sein, miteinander ins Gespräch zu kommen, bevor aus unterschiedlichen Erwartungen irgendwann vermeidbare Verletzungen entstehen.

Und natürlich darf man ihn trotzdem einfach albern finden. (Ich tue das auch - gleichzeitig finde ich ihn voll cool!)

Man darf ihn ausfüllen, weil man Spaß an völlig übertriebenen Formularen hat. Man darf ihn seinem neuen Kontakt schicken und fragen, ob dieser sich eigentlich ausreichend für die ausgeschriebene Position qualifiziert sieht. Man darf bei „Probezeit“ lachen und sich fragen, ob man während der ersten drei Monate tatsächlich heimlich bewertet wird.

Und ja, man darf bei der Frage nach der größten Red Flag auch kurz überlegen, ob man diese Bewerbung vielleicht lieber direkt wieder zurückziehen sollte.

Ich persönlich finde allerdings einen Punkt daran inzwischen gar nicht mehr so lustig, sondern ziemlich ernst:

Seit ich weniger maskiere, halten meine Freundschaften länger

Je weniger ich versuche, möglichst unkompliziert, angepasst, verständlich und sozial angenehm zu wirken, desto eher scheinen sich die Freundschaften zu halten, die tatsächlich zu mir passen. Ich schlucke meine Grenzen weniger herunter, verstecke meine Red Flags nicht mehr irgendwo im Keller und versuche nicht mehr permanent, für andere Menschen möglichst leicht zu handhaben zu sein.

Das bedeutet nicht, dass plötzlich jede Freundschaft funktioniert. Im Gegenteil. Manche Menschen passen schlicht nicht zusammen. Manche Freundschaften enden und manchmal ist das auch gut so. Aber ich habe zunehmend den Eindruck, dass diejenigen Freundschaften stabiler werden, bei denen ich mich nicht ständig selbst aus der Gleichung herausnehmen, rechtfertigen oder erklären muss.

Vielleicht liegt es also gar nicht unbedingt daran, dass neurodivergente Menschen keine langfristigen Freundschaften führen können.

Vielleicht liegt ein Teil des Problems auch darin, dass wir viel zu häufig versuchen, Freundschaften nach Regeln zu führen, die niemand ausgesprochen hat, die aber angeblich alle kennen sollen.

Und wenn man sie nicht kennt, hat man offenbar etwas falsch gemacht. Das ist ungefähr so sinnvoll wie eine Bedienungsanleitung, die mit dem Satz beginnt: „Eigentlich weiß man das ja.“

Also dachte ich mir: Machen wir es anders. Wir, in diesem Fall ich, schreiben die Bedienungsanleitung einfach selbst.

Menschen sind keine Maschinen. Freundschaften sind auch nicht planbar. Und schon gar nicht kann ein ausgefülltes Formular garantieren, dass zwei Menschen ein Leben lang befreundet bleiben.

Es kann manchmal einfach verdammt hilfreich sein, sich gegenseitig ein paar Fragen zu stellen, bevor man sich versehentlich drei Jahre lang missversteht und eine Freundschaft ausschleicht oder mit einem dicken (vielleicht auch schmerzhaftem) Knall endet.

Und deshalb gibt es jetzt hier:

Die Bewerbung um eine platonische Freundschaft (PDF)

  • Für Menschen, die sich um eine Freundschaft mit mir bewerben möchten.
  • Für Menschen, die selbst neurodivergent sind.
  • Für Menschen, die mit neurodivergenten Menschen befreundet sind oder werden möchten.
  • Und für alle anderen, die einfach einmal wissen möchten, wie ernst man eine Freundschaft nehmen kann, wenn man sie vollkommen übertrieben als Personalbesetzung behandelt.
  • Die Bewerbung darf zur Belustigung ausgefüllt werden. Sie darf aber auch tatsächlich an einen neuen Kontakt weitergeleitet werden, um in ein anregendes Gespräch zu gelangen.

Ob die Bewerbung angenommen wird, entscheidet letztendlich allerdings nicht die Personalabteilung, sondern das Leben und ein bisschen die Frage, ob man sich gegenseitig mag, denn ganz ohne Chemie (und Humor) funktioniert auch die beste Bewerbung nicht.

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