Zu kompetent für Hilfe. Zu müde fürs Schweigen

Ich beantrage Hilfe, während die Welt brennt – und stehe selbst ohne Netz im Feuer

Es gibt Tage, da sitze ich über digitalen Formularen, die selbst als PDF noch nach kaltem Amt riechen, nach geduldigem Papier, nach Paragrafen und dieser spezifischen Mischung aus Misstrauen und vermeintlicher Neutralität, und während ich erkläre, erneut, zum dritten oder siebten Mal, warum mein Kind Unterstützung braucht, warum Autismus keine Phase ist, warum ADHS nicht verschwindet, wenn man sich nur genug anstrengt, warum Pflege kein Bonusprogramm, sondern Alltag ist, kommt mir auch der Gedanke, dass dieser Text hier nicht nur über Anträge handelt. Ich glaub, da will gerade noch sehr viel mehr aus mir raus, eine ich irgendwo etwas oder jemanden anzünde.

Mein Text handelt über Angst. Und über Weltschmerz. Ernsthaft! Hast du dich mal umgeschaut und mitbekommen, was los ist? Aber zurück zu meinen Gedanken… Über Trauer und Unverständnis.

Es geht hier erst mal um ein System, das gleichzeitig Hilfe verspricht und sie aktiv erschwert. Das ist wie im Buch von Douglas Adams mit „Per Anhalter durch die Galaxis“. Dort geht es um das Haus des Hauptprotagonisten, welches zum Bau einer Umgehungsstraße abgerissen werden soll. Auf den Protest der Hauptfigur, dass ihm niemand davon erzählt habe, erklärt ihm ein Bauherr, dass die Pläne schon seit mehreren Monaten in einem Keller des Bauamtes hinter einer verschlossenen Türe, dessen Schlüssel keiner hat, ausgelegen hätten, kein Einspruch erhoben worden sei und daher nun der Abriss anstehe. Und genau so fühle ich mich aktuell! Total verarscht! Ich bin auf der Suche nach dem vermalledeiten Passierschein A38!

Und über die Zumutung, all das zu tragen, während die Welt politisch nach rechts kippt und so tut, als wäre das alles ganz normal, sitze ich hier und schreibe mir die Wut von der Seele. 

Bürokratie ist kein Versehen. Sie ist ein echt mieser Filter.

  • Schulbegleitung
  • Pflegegrad
  • GdB
  • Nachteilsausgleiche
  • Eingliederungshilfe
  • Therapieplätze
  • Diagnostik-Thermine

Jeder Antrag kommt mit neuen Formularen, neuen Zuständigkeiten, neuen Fristen, neuen Auflagen – und mit der stillschweigenden Annahme, dass ich unendlich Zeit, Energie, Konzentration und emotionale Stabilität zur Verfügung habe. Was im letzten Antrag für meinen Sohn noch gereicht hat, ist heute für meine Tochter „nicht mehr ausreichend“. 

Warum? Weil sich Richtlinien ändern oder Auslegungen oder schlicht die Person am anderen Ende des Schreibtischs.

Bürokratie tut so, als sei sie objektiv, aber in Wahrheit wird nur die Belastbarkeit der Antragstellerin geprüft. Wer durchhält, bekommt vielleicht Hilfe und wer zusammenbricht, fällt halt raus.

Und während ich mich wieder durch die vielen Forderungen und Nachweise und Formulare durcharbeite, denke ich nicht nur an mich. Ich denke gerade auch an all jene, die das nicht können, die keine Kraft haben, keine Sprache, keine Nerven, kein Netzwerk. Ich denke traurig an all die, die leise verschwinden.

Care-Arbeit: das Fundament, auf das man tritt

Ich leiste Care-Arbeit. Nicht romantisch, nicht „erfüllend“, nicht aus einem Übermaß an Liebe – sondern weil sie getan werden muss. Ganz einfach, weil es nötig und es als Sorgende meine fucking Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass es meinen Kindern an nichts fehlt: Teilhabe, Bildung, Gesundheit und alles an Unterstützung! 

  • Ich organisiere Termine.
  • Ich halte Strukturen.
  • Ich übersetze Bedürfnisse in Fachsprache.
  • Ich fange Emotionen auf,
  • reguliere,
  • begleite,
  • erkläre,
  • vermittle.

Care-Arbeit ist das Fundament dieser Gesellschaft. Und gleichzeitig ist es auch das, was politisch unsichtbar bleibt. Care-Arbeit ist gesellschaftlich auf Frauen abgeladen, moralisch eingefordert, ökonomisch entwertet. Und wenn Frauen daran erschöpfen, nennt man es individuelles Scheitern aber auf keinen Fall Burnout oder Erschöpfungssyndrom! 

Sehr praktisch. Spart Kosten.

Mental Load: Wenn dein Kopf der zentrale Server ist

Mental Load bedeutet für mich schon lange nicht mehr, nicht viel im Kopf zu haben, sondern Mental Load bedeutet, selbst der Kopf zu sein, in dem einfach alles zusammenläuft.

Ich weiß:

  • welche Stelle was will
  • welche Frist wann endet
  • welches Gutachten wie formuliert sein muss
  • welcher Tonfall akzeptabel ist
  • wo ich bitten darf
  • und wo ich kämpfen muss

Und das Ganze für jeweils drei Kinder!

Ich verwalte Leben in PDFs, Aktenordnern und E-Mails mit Betreffzeilen wie „Erinnerung – Ergänzende Unterlagen – Dringend“. Und dann heißt es: „Sie wirken aber sehr organisiert.“

Ja, verdammt! Und augenrollend denke ich mir: das nennt man fucking Überlebenskompetenz und nicht Stabilität!

Und dann bin ich auch noch selbst neurodivergent! Das ist keine Randnotiz, sondern der Kern meiner Überlebenskompetenz. Ich bin nicht nur Mutter neurodivergenter Kinder. Ich bin selbst neurodivergent – mit einem Nervensystem, das Reize stärker filtert, Stress schlechter puffert, soziale Interaktion teurer bezahlt.

Während von mir erwartet wird, klar zu denken, sachlich zu bleiben, strukturiert zu handeln, funktioniere ich im Dauerstress und beiße mir so oft auf die Zunge, wenn meine Emotionen sich auch mal zu der ganzen Bürokratie äußern wollen.

Masking ist von mir mein Leben klang perfektioniert worden. Neurodivergenz bedeutet nicht, das man unfähig ist, sondern dass man für all seine Arbeit und sein Bemühen und Durchhalten einen deutlich klareren Preis zu zahlen hat!

Man ist quasi zu kompetent, um Hilfe zu bekommen und zu erschöpft, um ohne Hilfe weiterzumachen.

Medical Gaslighting – die höfliche Form der Ablehnung

Ich habe immer und immer wieder für mich um Diagnostik gebeten. Um Klarheit. Um Worte für das, was mein Leben prägt. Was ich bekam, war Relativierung, Zweifel, Verschiebung. Ich bin zu reflektiert an zu angepasst, vielleicht auch zu weiblich sozialisiert. Medical Gaslighting ist einfach  verdammt leise und sagt nicht Nein. Es pathologisiert!

Es sagt:

  • „Vielleicht.“
  • „Andere haben es schlimmer.“
  • „Das ist doch alles sehr subjektiv.“

Als wäre Klarheit ein Luxus oder als müsste man erst völlig zerbrechen, um überhaupt ernst genommen zu werden. Und während ich für meine Kinder um Nachweise, Anerkennung, Unterstützung, Inklusion, Teilhabe und Bildung kämpfe, stehe ich selbst komplett ohne Netz oder doppelten Boden da.

Der doppelte Kampf! Ich halte nach außen aus, und falle innerlich zu Boden. Ich begleite und werde selbst nicht begleitet. Das System verwechselt mein Funktionieren mit Stärke.

Dabei ist es Zwang.

Weltschmerz ist kein Luxusproblem

Während ich Anträge ausfülle, brennt nicht nur meine innere Welt, sondern wortwörtlich die ganze Welt! Trump ist nicht nur ein Mann. Er ist ein Symptom. AfD ist nicht nur eine Partei. Sie ist ein verdammtes Echo und überall fühlt man die Spaltung und die schmerzhafte Entmenschlichung.

Die Idee, dass manche Leben weniger wert sind, ist einfach krank!

1933 begann nicht mit Lagern. Es begann mit Sprache. Mit Bürokratie. Mit dem schleichenden Entzug von Rechten.

Und ich habe Angst – nicht hysterisch oder nicht irrational.

Ich habe Angst, weil ich die Details und die Muster erkenne. Ich sehe, wie schnell Solidarität bröckelt und wie Care-Arbeit systematisch abgewertet wird, indem neurodivergente, behinderte und sorgende Menschen zu „Kostenfaktoren“ werden.

Angst ist hier kein Defizit. Sie ist ein Sensor.

Angst als politisches Instrument – und als persönlicher Zustand

Angst wird geschürt, um Macht zu sichern. Und gleichzeitig wird reale Angst delegitimiert.

  • „Stellen Sie sich nicht so an.“
  • „Bleiben Sie sachlich.“
  • „Das wird schon nicht so schlimm.“

Doch Systeme kippen leise. Und wer sensibel ist, spürt das früher. Sozialkater, Rückzug und das Recht auf Pause macht sich breit und ich ziehe mich mehr und mehr zurück.

Ich habe bereits über das Instrument der Angst einen Themen Beitrag verfasst, aber das hier ist was anderes – es ist etwas, was man nicht so einfach alleine mal eben für sich im stillen Kämmerlein beeinflussen kann, sondern nur mit der Gemeinschaft vieler Menschen, die ebenfalls diese Muster erkennen.

Mir sind die Menschen um mich herum nicht gleichgültig Im Gegenteil! Ich ziehe mich nicht zurück, weil mir alles und jeder egal ist. Es ist ein reiner Selbstschutz und ein Sozialkater ist kein Mangel an Empathie. Er ist der Preis dafür, dass man zu viel wahrnimmt zu viel fühlt. Und auch darüber schrieb ich schon einen mehr als persönlichen Beitrag in diesem Jahr.

Ich nehme meine eigene Erschöpfung nun auch leider immer häufiger wahr. Und die der Welt.

Humor. Immer wieder Humor.

Ich mache Witze:

  • Dunkle.
  • Trockene.
  • Sarkastische.

Nicht, weil es lustig ist – sondern weil Humor die letzte Bastion ist, bevor man verstummt und unsichtbar zusammenbricht. Sarkasmus ist meine Art von Widerstand.

Er sagt: Ich sehe das. Und ich bin noch da. Ich beantrage weiterhin immer wieder Hilfe für meine Kinder in einem System, das mir selbst keine gibt.

Ich trage Verantwortung in einer Welt, die Verantwortung nach unten delegiert. Ich bin müde und doch bin ich wach. Ich habe Angst und doch habe ich noch Worte. Vielleicht sind Worte nicht genug, aber Schweigen ist auch keine Option. Und solange ich schreibe, solange ich verbinde, solange ich benenne, ist noch nicht alles verloren.

Ohnmacht fühlt sich nicht leise an – sie betäubt

Ich bin traurig.

Ich bin wütend.

Und manchmal fühle ich nichts davon, weil mein System offenbar beschlossen hat, dass es gerade zu viel wäre.

Ich bin müde.

Nicht dieses „Ich brauche mal ein Wochenende“-müde, sondern diese tiefe, zähe Erschöpfung, die entsteht, wenn zu viele Dinge gleichzeitig kippen und niemand anhält, um zu fragen, ob man das überhaupt tragen kann.

Ich habe 2025 eine gute Freundin verloren.

Nicht durch einen Streit, nicht durch ein lautes Zerbrechen, sondern durch etwas viel Leiseres und viel Brutaleres: durch meine Weigerung, sofort zu funktionieren.

Sie sagte mir, sie wählt die AfD. Und ich sagte nichts! Nicht, weil mir nichts dazu einfiel, sondern weil mir zu viel einfiel.

Ich sagte nichts, weil ich Zeit brauchte, um zu verdauen, was das für mich bedeutet, für meine Kinder, für meine Werte, für mein Sicherheitsgefühl in einer Welt, die sich ohnehin gerade gefährlich schief anfühlt.

Ich war still, um nicht falsch zu sprechen. Und genau diese Stille wurde mir zum Vorwurf gemacht und schlussendlich über andere Menschen in meinem Miniversum die Freundschaft gekündigt. Eine kurze Info an meine Familie, dass man die Freundschaft mit mir nicht aufrecht erhalten kann – echt an mich persönlich.

Schweigen ist kein Angriff – es ist Verarbeitung

Ich habe nicht geschwiegen, um zu bestrafen. Ich habe geschwiegen, weil ich überrollt war. Mein Schweigen dachte, dass Freundschaft auch das aushält: einen Moment des Innehaltens, des Sortierens, des inneren Ringens.

Aber dafür war auf der anderen Seite leider keine Zeit. Es musste sofort eine Reaktion, eine sofortige Einordnung, eine sofortige Entlastung her!

Und weil ich das nicht liefern konnte, wurde ich mal kurz „quick and dirty“ aussortiert.

– Ironischerweise geschah das von jemandem, der eine Partei wählt, die sehr genau weiß, wie man Menschen aussortiert.

Ich fühle zu viel – und genau das wird mir zum Verhängnis

Ich lebe seit Wochen und Monaten im Dauerstress.

  • Anträge.
  • Ämter.
  • Care-Arbeit.
  • Beruf
  • Weltschmerz.
  • Angst.

Ich bin neurodivergent, hochsensibel, wach, und mein Nervensystem läuft längst auf Reserve, während um mich herum politische Entwicklungen passieren, bei denen mir nicht abstrakt unwohl wird, sondern konkret.

  • Trump.
  • AfD.
  • Geschichte, die sich erschreckend ähnelt – und zwar verdammt laut.

Ich habe Angst. Nicht hysterisch. Nicht irrational. Sondern diese klare, kalte Angst, die man hat, wenn man Muster erkennt und weiß, wer zuerst verliert.

Und dann verliere ich auch noch eine Freundschaft, weil ich einen Moment gebraucht habe, um das alles zu fassen. Ich kann nicht gleichzeitig die Welt retten, meine Kinder durch ein kaputtes System tragen, politische Bedrohungen einordnen und dabei noch perfekte emotionale Verfügbarkeit liefern.

Ich bin kein verdammter Kundenservice für das schlechte Gewissen anderer.

Und trotzdem: Ich bleibe stehen

Ich bin verletzt, aber ich bin nicht falsch!

Ich habe nichts getan außer ehrlich zu sein – ehrlich genug, um nicht sofort zu reagieren, ehrlich genug, um meine Grenzen ernst zu nehmen, ehrlich genug, um nicht so zu tun, als wäre das alles nur „eine andere Meinung“.

Vielleicht tut das weh. Vielleicht ist das auch unbequem.

Aber ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass ich Zeit brauche, um Gewalt in Sprache, Geschichte und Politik zu verarbeiten.

Ein letzter Rest Ironie, damit ich atmen kann

Wenn Freundschaft nur funktioniert, solange ich sofort verfügbar, konfliktvermeidend und beruhigend bin, dann war sie vielleicht stabil – aber nicht sicher.

Ich hätte mir gewünscht, sie hätte gewartet. Ich hätte mir gewünscht, sie hätte gefragt. Ich hätte mir gewünscht, sie hätte meine Stille nicht als Angriff gelesen. Aber ich kann nicht die Verantwortung dafür tragen, dass jemand meine Ohnmacht nicht aushält.

Ich bleibe mir treu!

Mit Wut.

Mit Trauer.

Mit Entschlossenheit.

Und mit der leisen, trotzigen Gewissheit, dass ich lieber allein bin als angepasst an etwas, das mir Angst macht.

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