Weil ich ja so stark bin… Ich erzähl dir jetzt mal was über meine Stärke!

„Liliana, ich bewundere deine Stärke so sehr..!“ oder „Lili, du bist so stark! Wie schaffst du das alles nur immer?!“ oder „Ich beneide dich um dein Durchhaltevermögen!“ oder „Ich weiß nicht, ob ich nicht längst aufgegeben hätte!“ sind nur einige Sätze, die man mir ziemlich oft entgegen bringt, wenn ich mal wieder über mein Leben oder die die Auswirkungen von Autismus/ Pubertät und/ oder Behörden jammere und einfach nur erzähle, wie müde ich bin.

Aber was ist das eigentlich, diese Stärke, dieses ständige Durchhalten, dieses stark-bleiben?

Klar, ich habe einen Mann an meiner Seite, der mir verdammt oft den Arsch rettet und mich vom Boden aufkratzt. Ich habe auch sehr wertvolle Freundinnen, die mir immer die Tränen trocknen, mir Mut und Mitgefühl aussprechen, solidarisch Menschen mit mir hassen und vor allem, die meine Familie und mich so lieben, wie wir sind.

Hier ein großes Bussi an Nena, Felis, Andrea und Conny – ihr seid echt die krassesten Frauen in meinem Leben!

Aber wieder zurück zu diesen Sätzen von ganz oben: was machen die mit einem, mit mir, wenn ich sie höre oder lese?

Ich kann dir nur sagen, dass ich nicht die Wahl habe. Ich kann nicht wirklich entscheiden, ob ich aufgeben und mich zurücklehnen darf, damit andere meine Baustellen weiter erledigen oder im Zweifelsfall einfach vom Winde verwehen. Was wäre wohl gewesen, wenn ich die Wahl gehabt hätte? Wenn ich eben nicht so stark gewesen wäre in bestimmten Situationen meines Lebens?

  • Hätte mein autistisches Kind Hilfe von außen bekommen in Form von Pflegegrad, Schwerbehindertenausweis, Diagnostik, Schulbegleitung, HPT oder Frühförderung im Kindergarten?
  • Würde ich den Kontakt zu meiner Erzeugerin tatsächlich abgebrochen oder doch noch weiter behalten haben?
  • Wäre ich heute glücklich verheiratet mit dem besten Mann der Welt oder wäre ich alleine?
  • Würde ich ein eigenes kleines Unternehmen führen oder weiter eine Marionette im Pflege-System sein?
  • Hätte ich das Sorgerecht für Vincent doch noch verloren? (Würde er dann heute noch leben?)
  • Würde ich selbst überhaupt noch leben?

Im Grunde fühlt es sich immer danach an, als würde man mir sagen, dass ich die Wahl gehabt hätte. Und wenn man die falsche Entscheidung trifft, würde man vermutlich nicht so jammern! Oder würde ich dann anders jammern? – Das weiß wohl keiner…

Im Grunde nimmt man dem aktuellen Problem nur sein Gewicht und ver-bagatellisiert es nur, denn ich hätte doch die Wahl, auch schwach zu sein! Hatte ich denn immer eine Wahl?

Nein, hatte ich nicht! Habe ich nicht! Werde ich vermutlich nie haben!

Ich MUSS einfach für meine Kinder und auch für mich ständig Kämpfe ausfechten, die letzten möglichen Kräfte mobilisieren und um Teilhabe, gegen Ausgrenzung, gegen Diskriminierung, gegen Mobbing und für Hilfen und Förderungen kämpfen wie eine Irre!

Und das Traurige an der ganzen Sache: „..dass Behörden nun mal einfach so arbeiten! Man kennt es ja im Bürokratie-Deutschland leider nicht anders!“ Möchte ich das hinnehmen? Nein! Das sollte übrigens kein Mensch!

Und was wäre, wenn ich mal schwach gewesen und aufgegeben hätte? Was ist schwach-sein überhaupt in diesem Kontext? Ich lass das nun einfach mal so im Raume stehen…

Danke für´s Lesen.

 

Ein Gedanke zu „Weil ich ja so stark bin… Ich erzähl dir jetzt mal was über meine Stärke!

  1. Und ich werde Dir auch weiterhin Deine Tränen trocknen und alles was in meiner Macht steht tun um Dich und Deine Familie zu unterstützen.
    Ich glaube, dass Dein größter Antrieb einfach Dein Liöwenmamaherz ist. Nur leider scheint einigen Menschen nicht bewusst zu sein, dass auch so ein kräftiges Herz angreifbar, verletzbar und nicht unsterblich ist.

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