Mit Sozialkater ins neue Jahr 2026

Warum ich krank wurde und warum das kein Zufall war

Ich schreibe diesen Text für die Menschen in NRW, für alle, die mich gesehen haben, für alle, die mich eingeladen haben, für alle, die sich vielleicht gefragt haben, warum ich plötzlich nicht mehr erreichbar war, warum Treffen abgesagt wurden, warum ich einfach verschwunden bin, und ich schreibe ihn ebenso für mich selbst, weil auch ich manchmal Worte brauche, um einzuordnen, was mein Körper längst verstanden hat.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich hier und weine, nicht laut, nicht dramatisch, sondern still und erschöpft, weil das Sortieren der letzten Tage mehr Kraft kostet, als man von außen vermuten würde, und weil es schmerzt, ehrlich hinzusehen, ohne sich weiter selbst zu beschwichtigen oder zu bestrafen.

Am 30.12. bin ich nach NRW gefahren, 740 Kilometer zurück in eine Gegend, in der ich vor ziemlich genau zehn Jahren mein altes Leben endgültig zurückgelassen habe, ein Leben, das ich nicht aus Leichtsinn verlassen habe, sondern aus Notwendigkeit, und in dem ich nicht nur Orte, sondern auch Beziehungen hinter mir ließ, darunter auch meine Ex-Mutter und Verwandtschaft, was allein schon genügt hätte, um mein Nervensystem in Alarmbereitschaft zu versetzen.

Ich kam an in einem kleinen süßen Zimmer einer eigentlich geschlossenen und sehr freundlichen Pension, fremde Gerüche, fremde Stille, fremde Umgebung, und ich merkte schon beim Auspacken, dass ich müde war auf eine Weise, die nicht mehr mit Schlaf zu lösen ist. Dazu Kopfschmerzen, die bereits am Abend vor der Abreise begonnen hatten, und ein diffuses Gefühl von innerer Unruhe, das ich gut kenne, auch wenn ich es gern ignoriere.

Ich machte mir etwas zu essen, aber es schmeckte nicht. Nicht, weil es objektiv schlecht war, sondern weil mein Körper bereits angefangen hatte, Reize abzulehnen. Am Abend führte ich noch ein Zoom Meeting mit einer lieben Kollegin aus Österreich, fachlich konzentriert, freundlich, wertschätzend, so wie man mich kennt, denn funktionieren kann ich sehr lange, auch dann noch, wenn es eigentlich schon zu viel ist – selbst wenn ich es selber nicht mehr wahrnehme, dass ich eigentlich nicht mehr kann. Die Online-Schulung im Anschluss über Heilkräuter habe ich dann doch ausfallen lassen. 

Ich ging früh ins Bett, in der Hoffnung, dass Schlaf Dinge sortiert, doch ich wachte mit Kopfschmerzen auf, trank nur einen Tee, zwang mich später zu einem Bäcker, kaufte Brot und Kaffee, beides schmeckte nicht. Und das Brot fasste ich an diesem Tag kein einziges Mal mehr an, was im Rückblick ein deutliches Zeichen war, auch wenn ich es damals noch nicht so lesen wollte.

Am Nachmittag fuhr ich zu meinem langjährigen Freund Jens und seiner Verlobten mit den Kindern. Menschen, die mir wichtig sind, Begegnungen, auf die ich mich seit Wochen gefreut hatte, und ich blieb bis zum Abend. Wir aßen gemeinsam Pizza, ich fuhr zurück, machte mich frisch und bereit für den Geburtstag meines früher besten Freundes Alex, ein Wiedersehen nach über zehn Jahren, ebenso wie das Wiedersehen mit Jens, den ich seit achtzehn (?) Jahren nicht mehr gesehen hatte, alles lange geplant, alles emotional bedeutsam.

Auf dem Geburtstag trank ich keinen Alkohol, nur Malzbier und Fanta, ich war klar, präsent, freundlich, die Musik war laut, viele Menschen waren mir nur flüchtig bekannt oder völlig fremd, manche Gesichter vertraut, das Wiedersehen herzlich und ehrlich, und nach außen war alles gut, vielleicht sogar sehr gut.

Doch noch weit vor Mitternacht wurde es mir zu viel: das Geböller, der Lärm, die laute Musik, die plötzliche Unruhe, meine Gedanken wanderten zu den Tieren draußen, zu meinen Katzen zu Hause, zu meinen Kindern, zu meinem Mann und dieses tiefe Bedürfnis nach Sicherheit, nach Rückzug, nach Vertrautem wurde so stark, dass ich kaum noch etwas anderes fühlen konnte.

Gegen 0.45 Uhr verließ ich die Geburtstags- und Silvester-Gesellschaft, fuhr mit dem Taxi zurück, zog mir den Pyjama an und kroch unter die Decke, fror und zitterte, mein Körper angespannt bis in jede Faser, und dann, gegen zwei Uhr, wurde mir schlagartig heiß, mein Magen fühlte sich schwer an, nicht klassisch übel, eher falsch, als hätte meine Wahrnehmung den Kontakt zu klaren Signalen verloren.

Was folgte, war brutal und eindeutig: heftige Kopfschmerzen mit Aura, Diarrhöe und Emesis bis halb sechs Uhr morgens, immer wieder, ohne Pause, ohne Erklärung, bis ich schließlich vor Erschöpfung einschlief.

Am nächsten Tag schlief ich fast durchgehend, wachte kurz auf, schrieb meinem Mann, sagte schweren Herzens ein Brunch ab, trank etwas Wasser, schlief weiter, immer wieder, begleitet von anhaltenden Kopfschmerzen, und ich merkte, dass mein Körper alles andere als gesund, auch wenn kein klassischer Infekt greifbar war.

Am zweiten Januar zwang ich mich aufzustehen, packte, putzte, duschte, versuchte meinen Kreislauf in Gang zu bringen, doch innerlich war ich leer und ausgelaugt, und die bevorstehende lange Autofahrt machte mir Angst, nicht emotional, sondern ganz real.

Die Heimfahrt überstand ich nur mit Mühe, stellte auf halber Strecke den Diffuser an mit Teebaum, Orange und Zedernholz, nicht als Heilmittel, sondern als Stütze für mein Nervensystem, als etwas Vertrautes in all der Überforderung, und als ich gegen siebzehn Uhr im verschneiten zu Hause ankam, wurde ich von meinem Gemahl mit einer frischen Hühnersuppe empfangen, nach der ich direkt wieder schlafen ging.

Erst am vierten Januar war ich wieder ansatzweise gesellschaftsfähig.

Was das wirklich war, wurde mir allerdings nicht schlagartig klar, sondern setzte sich aus mehreren Ebenen zusammen, von denen eine lange Zeit keinen Namen bekam, obwohl sie viel Raum eingenommen hat.

Was ebenfalls in mir gearbeitet hat, auch wenn ich es lange nicht aussprechen wollte, war eine tiefe und nüchterne Enttäuschung, die weniger mit Emotion als mit Empfindlichkeit zu tun hatte, sondern mit Haltung und Respekt.

Ich wurde weiterhin mit meinem alten Namen angesprochen, selbst in einer Form, die ihn vor den neuen anstellte, obwohl bekannt ist, dass ich offiziell Liliana heiße und diesen Namen nicht als Übergang trage, sondern als Ausdruck meiner Identität, die ich mir erarbeitet habe, nachdem ich mein altes Leben bewusst hinter mir gelassen habe.

Dieses Verhalten empfand ich nicht als Versehen, sondern als mangelnden Respekt, denn wer einen Namen kennt und ihn dennoch relativiert, entscheidet sich aktiv dagegen, die Identität eines Menschen anzuerkennen, und genau das wirkte auf mich abwertend, gerade weil es nicht offen aggressiv, sondern still und beharrlich geschah.

Für mich ist mein Name kein Detail und kein kosmetischer Schritt, sondern das Ergebnis eines langen Weges, auf dem ich mich von früheren Rollen, Erwartungen und Zuschreibungen gelöst habe, und wenn dieser Schritt nicht ernst genommen wird, bleibt davon nicht nur Irritation, sondern eine klare Verletzung zurück.

In der Summe mit all den anderen Belastungen war auch das etwas, das in mir weiterarbeitete, sachlich, leise und dennoch wirksam, bis zur Abreise.

Im Austausch mit anderen stellte sich schließlich heraus, dass niemand sonst nach gemeinsamen Mahlzeiten Beschwerden hatte, und damit war für mich klar, was ich innerlich längst wusste, das war keine Lebensmittelvergiftung, kein Infekt und kein Zufall. 

Das war ein sozialer Kater.

Ein sozialer Kater ist kein lustiger Begriff und kein modisches Wort, sondern eine sehr reale neurophysiologische Erschöpfungsreaktion, die vor allem neurodivergente Menschen trifft, deren Nervensystem Reize schlechter filtert und dadurch mehr Informationen gleichzeitig verarbeiten muss, mehr Geräusche, mehr Stimmungen, mehr Zwischentöne, mehr Bedeutung.

Soziale Interaktion bedeutet für mich nicht nur reden und zuhören, sondern permanent scannen und regulieren, aufmerksam sein, Nähe dosieren, Erwartungen einschätzen, alte Erinnerungen aushalten, freundlich bleiben, funktionieren und maskieren, auch dann noch, wenn innerlich längst alles laut wird.

Hinzu kamen Ortswechsel, lange Autofahrten, Schlafmangel, ungewohnte Umgebung, fremdes Essen, Silvester mit maximaler Geräuschkulisse, emotionale Altlasten aus einer Region, in der mein Nervensystem von klein auf gelernt hat, wachsam zu sein, und die Nähe zu Verlust, weil ich auch nicht mehr zum Grab meines Vaters konnte, was mich mehr getroffen hat, als ich mir eingestehen wollte.

Bei einem sozialen Kater passiert das Entscheidende nicht währenddessen, sondern danach, wenn der Körper nicht mehr kompensieren kann, wenn das autonome Nervensystem kollabiert und sich über Magen, Darm, Schlaf, Kopfschmerz, Temperaturregulation und extreme Erschöpfung entlädt.

Das ist kein Drama, das man sich aussucht, sondern ein Schutzmechanismus, der greift, wenn zu lange über die eigenen Grenzen gegangen wurde.

Ich halte viel aus.

Sehr viel.

Und genau das ist Teil des Problems.

Was ich klar sagen möchte:

Ich bin dankbar für jede Begegnung, für jede Einladung, für jede Herzlichkeit, und gleichzeitig muss ich ehrlich sein, ein weiterer Besuch ist erst einmal nicht geplant und wird es aus Achtsamkeit mir selbst gegenüber auch nicht geben.

Nicht, weil mir die Menschen egal sind, nicht aus Ablehnung, sondern weil ich Verantwortung für mich trage, für meinen Körper, für mein Nervensystem, für das Leben, das ich mir in den letzten 10 bis 15 Jahren mühsam aufgebaut habe.

Neurodivergent zu sein bedeutet nicht, weniger zu fühlen, es bedeutet mehr zu fühlen, mehr wahrzunehmen, mehr zu verarbeiten, und wenn ich diese Realität ignoriere, zahle ich mit meiner Gesundheit.

Ich schulde niemandem ein weiteres Zusammenbrechen, nur um zu beweisen, dass ich es doch kann.

So sieht mein Leben aus.

So fühlt es sich an.

Ein Gedanke zu „Mit Sozialkater ins neue Jahr 2026

  1. Liebe Liliana,
    ich habe deinen Text gelesen und er hat mich sehr berührt. Nicht, weil er dramatisch ist oder laut, sondern weil er so ehrlich ist. Und weil ich beim Lesen an so vielen Stellen dachte: ja. genau das.

    Dieses gleichzeitige Wollen und Nicht-aushalten-können. Dieses sich freuen auf Begegnungen und dann irgendwann merken, dass der Körper einfach nicht mehr mitgeht, egal wie sehr man es möchte.

    Du bist damit nicht falsch. Nicht zu empfindlich, nicht kompliziert, nicht schwierig. Das, was du beschreibst, ist leider für viele von uns Realität, auch wenn sie von außen oft nicht gesehen wird. Dieses Gefühl, ständig zurückzustecken, obwohl man eigentlich gerne dabei wäre. Und dass der Körper sich irgendwann meldet und sagt: bis hierhin und nicht weiter.

    Ich wünsche dir sehr, dass die Menschen um dich herum diesen Text lesen und ihn wirklich verstehen und ihn nicht falsch verstehen oder persönlich nehmen. Dass sie sehen, dass es hier nicht um Ablehnung geht, sondern um Selbstschutz. Um Verantwortung für sich selbst und für ein Nervensystem, das lange sehr viel ausgehalten hat.

    Und ich wünsche dir von Herzen, dass es dir bald wieder besser geht. Dass dein Körper zur Ruhe kommen darf und du wieder ein bisschen Boden unter den Füßen bekommst.

    Danke, dass du das so offen geteilt hast. Wirklich. Und fühl dich bitte virtuell ganz fest umarmt.

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