Wer bin ich denn, dass ich meine Stimme erhebe?

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„Nein!“ ist ein vollständiger Satz

Warum ich nie wieder in meine Herkunft zurückkehre und warum diese Entscheidung weit mehr mit Feminismus zu tun hat, als viele glauben, kann ich dir gern hier erzählen. Kann aber eine etwas längere Erzählung werden, los hol dir lieber ein Kaltgetränk!

Es gibt einen bestimmten Satz, den Menschen erstaunlich häufig aussprechen, wenn jemand den Kontakt zur eigenen Herkunftsfamilie abbricht:

„Aber es ist doch Familie.“

Ich frage mich inzwischen, warum gerade bei Familien plötzlich andere Regeln gelten sollen als überall sonst. Niemand würde ernsthaft verlangen, eine Freundschaft fortzuführen, in der Respekt fehlt. Niemand würde einer Arbeitnehmerin raten, dauerhaft in einem Betrieb zu bleiben, in dem sie regelmäßig herabgewürdigt wird. Sobald es jedoch um Eltern, Verwandte oder Menschen aus der eigenen Kindheit geht, scheint plötzlich eine andere Logik zu gelten. Loyalität, Vergebung und familiärer Zusammenhalt werden häufig höher bewertet als das Wohlergehen derjenigen Person, die unter diesen Beziehungen leidet.

Ich teile diese Sichtweise nicht!

Familie ist für mich keine Institution, die über dem Respekt steht. Verwandtschaft schafft zwar in den besten Fällen eine gewisse Verantwortung, aber sie schafft keinen lebenslangen Anspruch auf Zugang zu einem anderen Menschen. Wer Grenzen dauerhaft missachtet, verliert vielleicht irgendwann dieses Privileg. Und das ist auch völlig unabhängig davon, ob dieselbe DNA geteilt wird oder nicht.

Dass viele Menschen genau das nicht akzeptieren wollen, habe ich nicht nur innerhalb meiner Familie erlebt. Selbst Einladungen zu Klassentreffen, die ich nach einer Schulzeit voller Mobbing aus guten Gründen immer wieder ablehnte, wurden mit Sätzen kommentiert wie: „Aber da waren wir doch Kinder!“ oder „Du bist aber nachtragend!

Nein.

Ich bin nicht nachtragend. Ich habe nur schmerzlich gelernt, mich selbst endlich ernst zu nehmen und fahre deshalb nicht mehr mental gegen die Wand oder in meine Herkunftsregion nach Nordrhein-Westfalen. Diese Entscheidung entstand vor allem nicht spontan oder wegen eines einzelnen Streits. Ich hatte viele Jahre Zeit zum Nachdenken, zum Heilen und zum Reflektieren. Irgendwann wurde mir klar, dass ich mich dort nie sicher gefühlt habe. Ich fühlte mich nicht respektiert, nicht ernst genommen und vor allem nie wirklich gesehen. 

Viele Menschen suchen nach dem einen dramatischen Ereignis, das einen Kontaktabbruch erklären könnte. Sie möchten eine Geschichte hören, die sich eindeutig in Täter und Opfer einteilen lässt. Meine Geschichte ist komplizierter, weil sie aus unzähligen kleinen Erfahrungen besteht. Situationen, die für sich genommen vielleicht sogar belanglos wirkten. Ja, auch für mich damals! Sie setzten sich über Jahre zu einem Muster zusammen. Wer immer wieder erlebt, dass die eigenen Gefühle heruntergespielt, die eigenen Grenzen diskutiert oder die eigene Wahrnehmung infrage gestellt werden, erkennt irgendwann, dass nicht einzelne Vorfälle das Problem sind. Das Problem ist das System dahinter. Und dieses System hat einen Namen: Es pathologisiert Frauen, erklärt ihre Wahrnehmung für übertrieben und ihre Wut für unangemessen. 

Und ich weiß ehrlich gesagt selbst noch nicht genau, wohin diese verbale Klatsche am Ende fliegen wird. Es muss einfach raus! 

Ich habe nicht vor, einzelne Menschen öffentlich an den Pranger zu stellen. Deshalb anonymisiere ich alle Personen bewusst. (Wenn Leser einen Stiefel finden, der passt, kann ich das auch nicht ändern! Im Gegenteil! Denk mal drüber nach!) Es geht mir hier auch nicht um Namen, sondern um Verhaltensweisen, um DIESE Muster, die viele Frauen kennen, ganz egal, ob sie ihnen innerhalb der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, in Arztpraxen oder im Internet begegnen.

Ich tippe diese Gedanken auch nicht so runter, weil ich Mitgefühl (oder Mitleid) suche. Schweigen hat noch nie etwas verändert! Gedanken, die ich dauerhaft herunterschlucke, werden irgendwann zu Wut. Und weißt du was? Wut ist zwar eine berechtigte Emotion, aber kein besonders gemütlicher Mitbewohner in meinem Körper! ich möchte meine Wut einfach rauslassen!

Ich habe aber auch in den vergangenen Jahren verstanden, dass viele meiner Erfahrungen leider keine Einzelfälle sind. Sie sind Teil gesellschaftlicher Strukturen, die Frauen seit Generationen begleiten. Erst als ich begann, mich intensiver mit Feminismus auseinanderzusetzen, wurde mir klar, wie eng meine eigene Biografie mit Themen wie Care-Arbeit, Medical Gaslighting, dem Gender Data Gap, Altersdiskriminierung oder Gewalt gegen Frauen verbunden ist. Was ich lange für persönliches Pech gehalten hatte, entpuppte sich immer häufiger als gesellschaftliches Muster. Das ist, als hätte ich vor kurzem erst die bekannte rote Pille aus dem Film „Matrix“ geschluckt! Plötzlich ergibt sich für mich ein klares aber schmerzhaftes Bild.

Diese Erkenntnis war echt unbequem, aber gleichzeitig unglaublich befreiend. Denn wenn ein Problem strukturell ist, liegt seine Ursache eben nicht darin, dass einzelne Frauen empfindlich, schwierig oder hysterisch wären. Da ist es wieder: das Wort hysterisch, was wir Cis-Frauen dank unserer Gebärmutter angelastet bekommen! Es lohnt sich also sehr, nicht nur das Verhalten einzelner Menschen zu hinterfragen, sondern die gesellschaftlichen Regeln, nach denen wir leben.

Und das Traurige daran ist: Viele Frauen erkennen diese Strukturen bis heute nicht, weil sie mit ihnen aufgewachsen sind. Sie wurden so normal, dass sie unsichtbar geworden sind. Auch ich war bis vor einigen Jahren eine von ihnen und dachte, ich sei gleichberechtigt. Und dann wie gesagt, kam die Erkenntnis und das Wahrnehmen der männlichen Privilegien. 

Vor einigen Monaten begann ich deshalb ganz bewusst damit, mein Umfeld aufzuräumen. Ich trennte berufliche und private Kontakte konsequent voneinander, legte eine zweite Telefonnummer an und gab diese ausschließlich Menschen, denen ich wirklich vertraue. Gleichzeitig löschte ich zahlreiche alte Kontakte. Menschen, zu denen seit Jahren kein echter Bezug mehr bestand, aber auch Menschen, bei denen ich längst wusste, dass jeder weitere Kontakt mich mehr Kraft kosten als bereichern würde.

Diese Entscheidung hatte nichts mit Wut zu tun, sondern aus dieser inneren und immer lauter werdenden Ruhe. 

Irgendwann wird einem bewusst, dass Zeit die einzige Ressource ist, die sich nicht zurückholen lässt. Warum sollte ich sie den Menschen schenken, die meine Grenzen nie respektiert haben und vermutlich auch niemals damit anfangen werden?

Interessanterweise scheint genau dieser Gedanke manche Menschen zu irritieren. Offenbar fällt es vielen schwer zu akzeptieren, dass ein Kontaktabbruch tatsächlich endgültig gemeint sein könnte. Obwohl ich deutlich gemacht hatte, dass ich keinen Kontakt mehr wünsche, tauchten später neue Kontaktmöglichkeiten auf. Es kamen Nachrichten, und irgendwann fanden sogar öffentliche Kommentare ihren Weg unter Beiträge, die mit diesen Menschen überhaupt nichts mehr zu tun hatten. Da konnte ich noch so sehr blockieren und als Spam einstufen. 

Mich beschäftigt dabei weniger die einzelne Handlung als die Haltung dahinter: 

  • Warum fällt es manchen Menschen so schwer, ein Nein zu akzeptieren?
  • Weshalb wird ein klar formulierter Wunsch nach Abstand häufig nicht als Grenze verstanden, sondern als Beginn einer Verhandlung?

Genau an diesem Punkt überschneiden sich meine persönlichen Erfahrungen mit einer gesellschaftlichen Realität, die viele Frauen kennen. Ein Mann fragt nach einem Date. Eine Frau lehnt ab. Plötzlich beginnt das Überreden. Es wird noch einmal nachgefragt, über gemeinsame Bekannte Kontakt gesucht oder versucht, die Ablehnung mit Humor zu relativieren. Beharrlichkeit wird romantisiert, obwohl sie in Wahrheit nichts anderes bedeutet als die Missachtung einer klar geäußerten Grenze. 

Mich irritiert vor allem, dass Frauen ständig erklärt wird, sie müssten deutlicher Nein sagen, während viel seltener darüber gesprochen wird, warum manche Männer ein Nein erst gar nicht akzeptieren.

Dabei ist die Sache erstaunlich einfach: Ein Nein ist keine Einladung zur Diskussion. Es ist übrigens auch kein Rätsel,was es zu knacken gilt. Es ist keine Einladung, kreativer zu werden. Es beschreibt den echten Willen eines Menschen und verdient denselben Respekt wie jedes Ja.

„Nein!“ ist ein vollständiger Satz! 

Erschreckend finde ich auch etwas anderes. Frauen lernen inzwischen nicht nur, wie sie höflich Nein sagen können. Viele lernen schon früh, dass sie sich im Fall eines sexuellen Übergriffs möglichst wehren und dabei Hautpartikel oder Blut unter ihren Fingernägeln sichern sollten, damit der Täter später besser identifiziert werden kann und man auch glaubhaft versichern kann, dass man einem körperlichen Übergriff überhaupt zum Opfer gefallen ist. 

Lies den Absatz gern noch ein weiteres mal! Lass dir Zeit und vor allem lass dir das einmal auf der Zunge zergehen! 

Es steht nicht mal der Gedanke im Vordergrund, Übergriffe zu verhindern, sondern alleine der Gedanke, wie Frauen nach einem Übergriff möglichst gute Beweise sichern können, um glaubhaft zu sein!

Wie krank ist das eigentlich?

Und ja, auch das in der eigenen Familie!

Ich glaube, genau an diesem Punkt müssen wir als Gesellschaft umdenken. Solange wir unseren Töchtern beibringen, möglichst freundlich zu bleiben, während unsere Söhne gleichzeitig lernen, Beharrlichkeit sei eine bewundernswerte Eigenschaft, werden wir dieselben Konflikte immer wieder produzieren. Grenzen werden nicht dadurch wirksam, dass sie besonders höflich formuliert werden. Sie werden wirksam, wenn andere Menschen lernen, sie endlich zu respektieren.

Dieser Gedanke wird sich wie ein roter Faden durch den gesamten Text ziehen. Denn je tiefer ich mich mit meiner eigenen Biografie beschäftige, desto deutlicher wird mir, dass es nie nur um meine Familie, einzelne Männer oder einzelne Kommentare ging.

Es ging immer um dieselben Fragen:

  • Wem glauben wir?
  • Und warum müssen Frauen ihre Grenzen bis heute so viel häufiger erklären und rechtfertigen als Männer?

Ich wiederhole mich ungern: „Nein!“ ist ein vollständiger Satz!

 

Warum es nie nur um einen Kommentar ging

Vor einigen Wochen veröffentlichten mein Mann und ich folgendes Foto vor unserem neu aufgebauten Wikinger- und Händler-Zelt.

“Die Saison kann beginnen! 🥳🤩”

Es war kein spektakulärer Beitrag, sondern einfach die Freude darüber, dass wir nach vielen Stunden Arbeit endlich fertig waren. Wer schon einmal ein solch großes Zelt (Länge 4,5m x 3,5m Breite und einer Höhe von 2,5m) aufgestellt, Gestänge für Selbiges selbst gebaut und auf Millimetermaß in einer Werkstatt selbst angepasst hat, weiß, dass so etwas durchaus ein kleiner Grund zum Feiern sein kann. Genau darum ging es in diesem Beitrag. Zumindest für fast alle, die diesen Beitrag sahen.

Eine einzige männliche Person aus meiner Vergangenheit entschied sich allerdings für einen anderen Blickwinkel. Statt das Zelt oder die gemeinsame Arbeit zu kommentieren, richtete sich seine Aufmerksamkeit auf meine Schuhe und er bezeichnete mich dabei als „Mädchen“.

Wer mich kennt, weiß, dass ich seit Jahren absichtlich zwei unterschiedlich farbige Sneaker trage. Das ist weder ein Versehen noch eine modische Laune, sondern einfach etwas, das zu mir gehört. Ehrlich gesagt ist das aber völlig nebensächlich. Selbst wenn ich nur einen Schuh getragen hätte oder barfuß gewesen wäre, bliebe dieselbe Frage bestehen: Warum fällt der Blick bei einem Foto von zwei Erwachsenen vor einem gemeinsamen Projekt ausgerechnet auf die Frau und auf ihr Äußeres?

Besonders gefreut hat mich die Reaktion meiner Freundin Felis. Sie ließ den Kommentar nicht einfach stehen, sondern machte höflich und gleichzeitig glasklar darauf aufmerksam, dass dort zwei Erwachsene vor einem neu aufgebauten Zelt stehen und dennoch ausgerechnet die Frau als „Mädchen“ bezeichnet und auf ihre Schuhe reduziert wird. Ich hätte es selbst kaum besser formulieren können, denn sie brachte das eigentliche Problem auf den Punkt.

Es ging hier nie um die Schuhe.

Es ging darum, dass Frauen selbst dann noch auf ihr Äußeres reduziert werden, wenn sie eigentlich über etwas völlig anderes sprechen. Dieses Muster begegnet mir nicht zum ersten Mal und vermutlich leider auch nicht zum letzten Mal. Frauen zeigen ihre Arbeit, ihre Ideen oder ihre Hobbys, und trotzdem dreht sich die Aufmerksamkeit erstaunlich oft um ihren Körper, ihre Kleidung oder ihr Alter. Es wirkt auf den ersten Blick wie eine Kleinigkeit. Betrachtet man solche Situationen jedoch nicht einzeln, sondern als Summe jahrzehntelanger Erfahrungen, entsteht ein sehr deutliches Bild.

Hinzu kam die Bezeichnung „Mädchen“. Ich bin fast fünfzig Jahre alt - geboren in den 80ern! Niemand käme ernsthaft auf die Idee, einen Mann in meinem Alter öffentlich als „Jungen“ anzusprechen. Sprache ist nie nur Sprache. Sie verrät, wie wir Menschen wahrnehmen und welchen Platz wir ihnen zuweisen. Frauen werden erstaunlich häufig verkleinert, verniedlicht oder sprachlich auf eine Stufe gestellt, die ihrer tatsächlichen Lebensrealität längst nicht mehr entspricht. Genau deshalb stört mich diese Wortwahl heute mehr denn je!

Ich antwortete in meinem Beitrag auf Facebook unter diesem Kommentar bewusst deutlich. Ich hatte keine Lust auf eine öffentliche Auseinandersetzung, aber ich habe irgendwann aufgehört, Grenzüberschreitungen schweigend hinzunehmen. Ich machte klar, dass ich kein Mädchen bin und dass diese Person nicht zu meinem persönlichen Umfeld gehört. Nachdem ich den Kontakt vor vielen Jahren bewusst beendet hatte, empfand ich es als übergriffig, sich ungefragt wieder in mein Leben einzumischen. Ein Kontaktabbruch ist keine Einladung, es später einfach noch einmal zu versuchen.

Interessanter als der eigentliche Kommentar waren für mich allerdings die Reaktionen auf ähnliche Situationen in meinem Leben. Kaum erhebe ich meine Stimme, setze Grenzen oder nehme mir Raum ein, wird erstaunlich häufig Frauen geraten, über solche Diffamierung, Beleidigung oder Grenzüberschreitung hinwegzusehen. Man solle nicht alles so ernst nehmen, nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen und sich doch einfach ein dickeres Fell zulegen. Mir fällt dabei immer wieder auf, dass sich diese Ratschläge fast ausschließlich an Frauen richten. Kaum jemand fragt stattdessen, warum manche Männer überhaupt auf die Idee kommen, solche Kommentare schreiben zu müssen.

Wenige Tage später veröffentlichte ich auf Threads ein Foto aus unserer Hängematte auf dem Balkon.

Darauf waren meine ausgestreckten Beine und nackten Füße zu sehen, im Hintergrund Tomaten- und Gurkenpflanzen. Mein Text lautete: „Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist grün.“ Gemeint waren natürlich die Pflanzen und die Freude darüber, dass sie endlich Früchte trugen. In diesem Fall eine kleine Snack-Gurke.

Ein Teil der Kommentare beschäftigte sich allerdings weder mit Tomaten noch mit Gurken. Stattdessen ging es um meine Füße, um sexuelle Anspielungen und um die inzwischen fast schon obligatorischen Gurkenwitze. Ich musste unwillkürlich lachen, allerdings nicht über die Witze selbst, sondern darüber, wie vorhersehbar sie waren. (Und man kennt es von mir ja schon: Humor ist die letzte Bastion!) Offenbar gibt es Männer, die bei dem Wort „Gurke“ sofort glauben, ihre Kreativität unter Beweis stellen zu müssen. Das Erschreckende daran ist weniger der einzelne Kommentar als die Austauschbarkeit dieser Kommentare. Sie unterscheiden sich kaum voneinander, weil sie alle demselben Muster folgen.

Fast immer kommt anschließend derselbe Satz: „Das war doch nur Spaß.

Natürlich kann Humor entwaffnend sein. Humor kann Macht kritisieren, Menschen verbinden und gesellschaftliche Missstände sichtbar machen. Er kann aber auch dazu dienen, Verantwortung abzustreifen. Wer darauf hingewiesen wird, dass eine Bemerkung übergriffig oder unangemessen war, erklärt sie kurzerhand zum Witz und verschiebt das Problem auf die Person, die sich daran stört. Plötzlich soll nicht mehr über den Kommentar gesprochen werden, sondern über den fehlenden Humor der Frau.

Ich empfinde diese Verdrehung inzwischen als beinahe langweilig, weil sie so vorhersehbar geworden ist.

Mir geht es deshalb nicht um ein paar ungeschickte Kommentare im Internet. Es geht mir um diese Haltung gegenüber Frauen, welche ständig vermittelt wird, dass ihr Körper öffentlicher als ihre Gedanken wären. Ich zeige ein Zelt und es geht um meine Schuhe. Ich zeige Pflanzen und es geht um meine Beine. Ich schreibe über meinen Alltag und irgendein Mann glaubt, daraus einen Anlass für zweideutige Bemerkungen machen zu müssen. Es ist diese permanente Verschiebung des Blickwinkels, die mich inzwischen mehr beschäftigt als der einzelne Kommentar.

Genau deshalb widerspreche ich heute öffentlich. Ich glaube nicht ernsthaft daran, jeden Kommentarschreiber überzeugen zu können, aber Schweigen erweckt nun mal den Eindruck, dass dieses Verhalten normal oder angebracht sei. Funfact: Es ist nicht normal! Es ist lediglich so alltäglich geworden, dass viele Menschen gar nicht mehr bemerken, wie selbstverständlich Frauen auf diese Weise bewertet, beleidigt, pathologisiert und sexualisiert werden!

Wenn mir heute vorgeworfen wird, ich würde überall Sexismus sehen, antworte ich inzwischen recht gelassen. Klar mag es sein, dass ich hier und da wirklich oft Sexismus erkenne. Ich erkenne aber auch Muster, nachdem ich sie jahrzehntelang immer wieder selbst erlebt habe. Der Kommentar unter dem Zeltfoto war deshalb nie nur ein Kommentar. Das Threads-Foto war nie nur ein Foto. Beide Situationen stehen stellvertretend für all diese Erfahrungen, die viele Frauen leider nur zu gut kennen: Ganz gleich, worüber wir eigentlich sprechen möchten, irgendjemand findet zuverlässig einen Weg, das Gespräch wieder auf unseren Körper zu lenken.

 

Wenn Mädchen lernen, sich selbst nicht zu glauben

Je älter ich werde, desto häufiger ertappe ich mich dabei, dass ich Situationen aus meiner Kindheit plötzlich mit anderen Augen betrachte. Dinge, die ich damals für völlig normal hielt, erscheinen mir heute befremdlich, oft auch einfach nur ekelhaft! Ich möchte meine Vergangenheit nicht schlechter machen als sie war, aber ich verstehe inzwischen sehr genau, welche Botschaften sich hinter vielen alltäglichen Entscheidungen verborgen haben.

Eine dieser wirklich sehr starken Erinnerungen beginnt mit meinen Haaren.

Ich wollte immer lange Haare tragen! Das war nicht nur einmal oder nur für ein paar Wochen, sondern über Jahre hinweg. Ich sagte es immer wieder und ich erinnere mich noch gut daran, dass ich vor den Friseurbesuchen regelmäßig geweint habe. Die Frisörin gehörte zur Familie. Erwachsene Menschen entschieden über meinen Kopf, über meine Haare und damit auch ein Stück weit über meine Identität. Anschließend hörte ich dieselben Begründungen wie so viele Kinder: Kurze Haare seien praktischer und pflegeleichter. Niemand fragte mich, was ich wollte. Mein Nein war vorhanden, aber es spielte nie irgendeine Rolle.

Heute geht es mir dabei längst nicht mehr um eine Frisur. Es geht darum, dass Haare Teil des eigenen Körpers sind und Kinder keine Gegenstände sind, über deren Körper Erwachsene wie selbstverständlich verfügen dürfen. Natürlich tragen Eltern Verantwortung und müssen unzählige Entscheidungen für ihre Kinder treffen. Gleichzeitig frage ich mich, weshalb ausgerechnet dort, wo ein Kind seinen Willen oft und auch sehr klar äußert, so häufig argumentiert wird, Erwachsene wüssten es grundsätzlich besser.

Heute gibt es für diese Haltung einen Begriff: Adultismus. Gemeint ist damit nicht, dass Erwachsene grundsätzlich böse handeln oder Kindern schaden wollen. Adultismus beschreibt vielmehr ein Machtgefälle, bei dem die Bedürfnisse, Gefühle und Grenzen von Kindern automatisch geringer bewertet werden als die von Erwachsenen. Als Kind kannte ich dieses Wort natürlich nicht. Ich kannte nur das Gefühl, dass mein eigener Wunsch oder auch und vor allem meine eigene Grenze offenbar weniger wert war als die Meinung anderer.

Rückblickend glaube ich, dass genau dort etwas begann, das mich viele Jahre begleitet hat. Wer als Kind immer wieder erlebt, dass über den eigenen Körper hinweg entschieden wird, obwohl der eigene Wille oder die eigene Grenze klar ausgesprochen wurde, lernt nicht nur Gehorsam. Es wird einem vermittelt, an der eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Vielleicht übertreibe ich. Vielleicht wissen die anderen es wirklich besser. Vielleicht muss ich mich einfach fügen. Genau diese Gedanken begleiten später erstaunlich viele Frauen. 

Es blieb auch nicht bei den Haaren. Wie viele andere Mädchen sollte auch ich freundlich sein oder Verwandte begrüßen oder sogar Küssen wo ich es nicht wollte, ich sollte höflich lächeln und mich nicht so anstellen - sonst wird der Opa traurig! Nichts davon wirkte damals außergewöhnlich. Erst vor wenigen Jahren wurde mir schmerzlich bewusst, dass sich all diese kleinen Situationen zu einer gemeinsamen Botschaft verdichteten: Harmonie war wichtiger als mein eigenes Unbehagen. Anpassung war wichtiger als mein Bauchgefühl. 

Vielleicht erkläre ich deshalb heute so oft, warum mir das Thema Selbstbestimmung auch in Bezug zu meinen eigenen Kindern so wichtig ist. Für mich beginnt Selbstbestimmung nicht erst bei Sexualität oder Partnerschaft. Sie beginnt viel früher als wir alle es für wichtig hielten. Sie beginnt dort, wo ein Kind erfährt, dass sein Nein ernst genommen wird, auch wenn Erwachsene dieses Nein unbequem finden.

Je länger ich darüber nachdachte, desto häufiger erinnerte ich mich an ähnliche Situationen aus meinem späteren Leben. Plötzlich ergab vieles einen Zusammenhang. Ich dachte an Arzttermine, bei denen meine Wahrnehmung infrage gestellt wurde. Ich grübelte über diverse Gespräche, in denen Beschwerden vorschnell auf Stress, Hormone oder psychische Belastungen reduziert wurden oder auch an das Gefühl, mich erklären zu müssen, obwohl ich meinen eigenen Körper schließlich am längsten kenne.

Irgendwann mal begegnete mir der Begriff Medical Gaslighting. Als ich begann, mich damit zu beschäftigen, hatte ich mehrfach das irritierende Gefühl, dass dort jemand Erfahrungen beschrieb, die ich selbst gemacht hatte. Gemeint ist damit nicht jede Fehldiagnose und auch nicht jede ärztliche Fehleinschätzung. Medizin ist komplex und Irrtümer gehören leider dazu. Medical Gaslighting findet man aber genau da, wo Patientinnen erleben, dass ihre Wahrnehmung systematisch weniger Gewicht erhält als die Vermutung ihres Gegenübers. 

Ich selbst und auch viele andere Frauen haben oftmals Sätze gehört wie: „Das ist bestimmt Stress.“ „Sie sind einfach erschöpft.“ „Das liegt wahrscheinlich an den Hormonen aber da kann man nix ändern, das haben halt viele Frauen und die leben damit.“ Oder den Klassiker: „Das liegt vielleicht am Gewicht. Nehmen Sie erst einmal etwas ab.

Interessanterweise scheinen diese Erklärungen erstaunlich häufig mehr Frauen statt Männer zu treffen.

Heute wissen wir, dass Frauen bei zahlreichen Erkrankungen später diagnostiziert werden als Männer. Symptome von Herzinfarkten äußern sich bei Frauen generell anders als bei männlichen Körpern, Schmerzen werden anders wahrgenommen als bei Männern - allein wegen des völlig unterschiedlichen Hormonhaushalts und Metabolismus. Endometriose bei Frauen wird noch immer viel zu spät erkannt oder sogar trotz Verdachtsäußerung der Patientin von Ärzt*innen völlig ignoriert oder sogar aberkannt! Autismus oder ADHS bleiben bei Mädchen und Frauen häufig über Jahre oder deren ganzes Leben unentdeckt. Es heißt leider auch heute noch oft, dass Frauen diese Erkrankungen seltener hätten, aber nur weil Forschung und Diagnostik jahrzehntelang überwiegend am männlichen Erscheinungsbild orientiert waren. 

Gerade das Thema Autismus beschäftigt mich inzwischen sehr. Ich bin mit dem Begriff Autismus während der Diagnostik mit meinem Sohn das erste mal damit in Berührung gekommen - das war 2014. Als ich mich dann viel später während seiner beginnenden Pubertät erneut tiefer damit beschäftigt habe, fiel mir auf, wie viele Frauen ihre Diagnose erst im späten Erwachsenenalter erhalten. VieleFrauen haben Jahrzehnte damit verbracht, sich anzupassen, soziale Regeln auswendig zu lernen und ihre Schwierigkeiten zu verstecken. Anschließend hören sie, sie wirkten doch gar nicht autistisch. Es ist fast schon ironisch: Jahrelange Anpassungsleistung wird anschließend als Beweis dafür gewertet, dass die Anpassung gar nicht notwendig gewesen sei.

An diesem Punkt begegnete mir schließlich der Begriff Gender Data Gap. Dahinter verbirgt sich die Erkenntnis, dass unsere Gesellschaft bis heute in vielen Bereichen auf Daten basiert, die überwiegend an Männern erhoben wurden. Medikamente wurden lange Zeit fast ausschließlich an männlichen Probanden und auch nur an männlichen Ratten getestet. Sicherheitsgurte orientieren sich seit Jahrzehnten am durchschnittlichen männlichen Körper. Symptome vieler Erkrankungen wurden anhand männlicher Patienten beschrieben (bestes Beispiel hier wieder der Herzinfarkt!). Künstliche Intelligenz übernimmt diese Schieflagen häufig unbemerkt, weil sie mit genau diesen Datensätzen trainiert wird.

Je mehr ich darüber las, desto häufiger dachte ich: Das erklärt so vieles.

Plötzlich wirkten meine Erfahrungen nicht mehr wie eine Aneinanderreihung unglücklicher Zufälle. Sie wurden Teil eines größeren Bildes. Ich hatte mein Leben lang versucht zu verstehen, warum ich mich so oft erklären musste und warum ich so häufig das Gefühl hatte, dass meine Wahrnehmung weniger Gewicht besitzt als die Einschätzung anderer. Heute glaube ich, dass viele Frauen genau dieses Gefühl kennen.

Vielleicht beginnt Feminismus deshalb für mich nicht mit Demonstrationen oder politischen Debatten. Für mich beginnt er in dem Moment, in dem ein Mädchen zum ersten Mal erlebt, dass sein Nein ernst genommen wird. Denn wenn Kinder lernen dürfen, ihrem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen, fällt es ihnen später sehr viel leichter, auch als Erwachsene Grenzen zu setzen und auch Gefahren besser abwehren zu können! 

Ich frage mich manchmal, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich diese Erfahrung schon als Kind gemacht hätte. Wahrscheinlich wäre ich trotzdem dieselbe Frau geworden. Vielleicht hätte ich nur deutlich früher aufgehört, an mir selbst zu zweifeln. Oder wäre wesentlich weniger vergewaltigt, beleidigt oder übergangen worden. 

 

Wenn Frauen funktionieren, fällt ihre Arbeit niemandem auf

Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Stunden meines Lebens ich in Wartezimmern, Besprechungsräumen und Behörden verbracht habe. Irgendwann hört man auf zu zählen. Stattdessen entwickelt man ein erstaunliches Talent dafür, Formulare zu verstehen, Paragraphen nachzuschlagen und den richtigen Ansprechpartner zu finden. Man lernt, Widersprüche zu schreiben, Gutachten zu lesen und zwischen Jugendamt, Schule, Pflegekasse, Krankenkasse und verschiedenen Arztpraxen zu vermitteln. Ehrlich gesagt wollte ich all das nie lernen. Ich musste es lernen, weil meine Kinder Unterstützung brauchen und irgendjemand diese Aufgabe übernehmen musste.

Viele Menschen sehen am Ende nur das Ergebnis. Sie sehen, dass eine Schulbegleitung bewilligt wurde oder ein Pflegegrad anerkannt ist. Was sie nicht sehen, sind die Monate davor. Die Telefonate, die Mails, die Gespräche, die Rückfragen, die Nachforderungen und das ständige Hinterhertelefonieren und Fordern, bevor it Untätigkeitsklagen gedroht wird. Niemand sieht die Stunden, in denen ich nachts am Computer sitze, weil tagsüber einfach keine Zeit dafür bleibt.

Ich erinnere mich noch gut an die Monate, in der ich gleichzeitig jeweils verschiedene Anträge für drei meiner Kinder laufen hatte. Jede Behörde wollte andere Unterlagen, jede Stelle hatte eigene Fristen und jede Entscheidung zog neue Formulare nach sich. Währenddessen lief das Familienleben und die Schulzeit für meine Kinder natürlich weiter. Kinder bekommen keinen Terminplaner eingebaut, der Rücksicht auf Verwaltungsverfahren nimmt. Sie brauchen Essen, Trost, Begleitung, Hilfe bei den Hausaufgaben und manchmal einfach jemanden, der sich mit ihnen aufs Sofa setzt, obwohl im Kopf gerade fünf andere Baustellen kreisen.

Das Verrückte daran ist, dass diese Arbeit kaum jemand als Arbeit wahrnimmt.

Wenn jemand ein Haus baut, sieht jeder das Haus. Wenn jemand einen Garten anlegt, sieht jeder den Garten. Wenn jemand aber dafür sorgt, dass ein Kind endlich die Unterstützung erhält, die ihm zusteht, gibt es am Ende nichts, worauf man zeigen kann. Es gibt keinen Pokal, kein Vorher-Nachher-Foto und keinen Applaus. Der Alltag läuft einfach ein kleines bisschen besser als vorher. Vielleicht ist genau das der Grund, warum Care Arbeit so unsichtbar bleibt. Man bemerkt sie meistens erst dann, wenn sie plötzlich niemand mehr übernimmt.

Ich höre häufig Sätze wie: „Ich weiß gar nicht, wie du das alles schaffst.“ Die ehrliche Antwort lautet: manchmal gar nicht. Es gibt Tage, an denen ich völlig erschöpft ins Bett falle und trotzdem das Gefühl habe, etwas vergessen zu haben. Es gibt Tage, an denen ich gleichzeitig Mutter, Unternehmerin, Pflegerin, Sachbearbeiterin, Therapeutin, Krisenmanagerin und Taxifahrerin bin. Wahrscheinlich kennen viele Mütter dieses Gefühl. Der Kopf hat nie wirklich Feierabend.

Schlafen kann ich noch, wenn ich tot bin und für Burnout habe ich keine Zeit! 

Dabei fällt mir immer wieder auf, dass viele dieser Aufgaben automatisch bei Frauen landen. Wenn die Schule anruft, klingelt häufig zuerst das Telefon der Mutter. Wenn ein Arzttermin organisiert werden muss, denkt man zuerst an die Mutter. Wenn ein Kind zusätzliche Unterstützung braucht, richtet sich der Blick erstaunlich schnell ebenfalls auf die Mutter. Das geschieht oft gar nicht bewusst. Es ist einfach gesellschaftliche Gewohnheit geworden.

Ich kenne Frauen, die ihren gesamten Familienalltag im Kopf organisieren. Sie wissen, wann die nächste Impfung ansteht, welche Schuhgröße das Kind inzwischen trägt, welches Lebensmittel bald nachgekauft werden muss und wann der letzte Elternabend war. Dieses ständige Mitdenken hat sogar einen Namen bekommen: Mental Load. Als ich den Begriff zum ersten Mal las, musste ich lachen. Das war eigentlich nicht wirklich lustig, aber ich hatte plötzlich ein Wort für etwas, das mich seit Jahren so fertig macht!

Gerade als Mutter neurodivergenter Kinder bekommt Mental Load noch einmal eine ganz andere Dimension. Wer Autismus, ADHS, die Kombination von beidem oder andere Besonderheiten wie zum Beispiel auch Pubertät von Kindern begleitet, organisiert nicht einfach nur den Alltag. Man koordiniert Therapien, beobachtet Entwicklungen, führt Gespräche mit Lehrkräften, bereitet Arzttermine vor und versucht gleichzeitig, den Kindern einen möglichst sicheren Rahmen zu geben. Viele Entscheidungen müssen bewusst getroffen werden, weil Standardlösungen standardmäßig nie wirklich funktionieren.

Manchmal frage ich mich, wie viele Fähigkeiten Frauen im Laufe ihres Lebens entwickeln, ohne dass sie jemals als Kompetenz bezeichnet werden. Würde ich all das, was ich in den vergangenen Jahren organisiert habe, in einem Unternehmen machen, würde vermutlich irgendjemand etwas von Projektmanagement, Krisenkommunikation und Prozessoptimierung erzählen. Innerhalb einer Familie nennt man es einfach Mutterschaft. Genau das ärgert mich.

Ich übernehme gerne die Verantwortung für meine Kinder! 

Mich ärgert, dass diese Arbeit gesellschaftlich so selbstverständlich geworden ist, dass sie kaum noch gesehen wird. Solange alles funktioniert, fragt niemand, wer dafür sorgt, dass es funktioniert. Erst wenn Frauen erschöpft sind, wenn sie Grenzen ziehen oder sagen, dass sie Unterstützung brauchen, beginnt plötzlich die Diskussion darüber, ob sie sich besser organisieren müssten. Wenn wir Frauen sagen, wir brauchen Hilfe, verlangt der Herr eine Liste. Aber wer schreibt denn all unsere Listen?

Ich glaube inzwischen, dass unsere Gesellschaft Care Arbeit ähnlich behandelt wie Sauerstoff. Solange genug davon da ist, denkt niemand darüber nach. Erst wenn sie fehlt, merken alle, wie unverzichtbar sie eigentlich ist.

Vielleicht erklärt das auch, warum so viele Frauen irgendwann laut werden. Sie sind nicht plötzlich schwieriger geworden. Sie haben über Jahre erlebt, dass ihre Arbeit, ihre Erschöpfung und ihre Kompetenz als selbstverständlich angesehen wurden. Irgendwann reicht es. Und ehrlich gesagt finde ich es erstaunlich, dass so viele Frauen trotzdem noch so lange durchhalten.

Wenn ich heute Feminismus erkläre, dann denke ich nicht zuerst an große politische Debatten. Ich denke an all die Frauen, die täglich Familien zusammenhalten, ohne dass jemand fragt, wie es ihnen eigentlich geht. Ich denke an Mütter, die nachts Widersprüche schreiben, morgens Brotdosen packen und zwischendurch versuchen, irgendwo noch sie selbst zu sein. Und ich denke an die Erkenntnis, dass Fürsorge endlich denselben gesellschaftlichen Wert bekommen sollte wie jede andere Arbeit auch. Denn da bin ich auch mal ehrlich: Altersarmut betrifft meist nur Frauen!  Wieso? Wegen der Kindererziehung, der Teilzeit und der Pflege von Angehörigen - es wird alles nicht wirklich entlohnt! Weder mit anständig Rentenpunkten, noch mit Teilzeitgehalt oder der Möglichkeit, überhaupt Arbeit zu finden bei den „Fehlstunden“. 

 

Wenn Frauen laut werden, nennt man sie schwierig

Irgendwann ist mir aufgefallen, dass Frauen erstaunlich häufig denselben Satz hören, sobald sie anfangen, Grenzen zu setzen.

„Früher warst du aber netter.“

Ich musste darüber eine Weile nachdenken. War ich wirklich netter? Oder war ich einfach stiller? War ich tatsächlich verständnisvoller oder habe ich lediglich häufiger geschwiegen, obwohl mich etwas verletzt oder geärgert hat?

Mittlerweile bin ich mir sicher ich, dass viele Menschen mit „nett“ eigentlich etwas ganz anderes meinen. Gemeint ist oft eine Frau, die funktioniert und dabei noch hübsch aussieht, die Konflikte entschärft, die immer wieder Verständnis zeigt, sich anpasst und möglichst niemandem unbequem wird. Solange das gelingt, gilt sie als sympathisch. Sobald sie widerspricht oder ein klares Nein ausspricht, verändert sich plötzlich die Beschreibung. Dann ist sie anstrengend, schwierig, empfindlich, aggressiv oder hysterisch.

Ich habe diese Veränderung selbst erlebt.

Je älter ich wurde, desto weniger war ich bereit, Grenzüberschreitungen einfach weiter hinzunehmen. Früher habe ich vieles heruntergeschluckt oder hatte auch schlichtweg Angst vor Ablehnung oder Ausgrenzung. Heute antworte ich mit meiner Stimme. Früher habe ich mich gefragt, ob ich vielleicht überreagiere. Heute frage ich mich viel häufiger, weshalb andere glauben, sie dürften sich so verhalten.

Das ist wahrscheinlich der größte Unterschied und auch meine krasseste Lehre!

Früher suchte ich die Fehler immer bei mir, und ja, auch das passiert mir hin und wieder leider immer noch, weil diese anerzogenen Muster so tief in einem wohnen. Aber ich schaffe immer häufiger, dass ich mir nicht mehr für alles die Schuld geben lasse. Meine Wahrnehmung ist nun eine andere, eine kritische und auch eine, die sich das von verschiedenen Blickwinkeln erlaubt.

Gerade bei Frauen ab der Perimenopause beobachte ich etwas Ähnliches. Erstaunlich viele berichten davon, dass sie plötzlich direkter werden, weniger Geduld mit Ungerechtigkeiten haben und sich nicht mehr für alles verantwortlich fühlen. Darüber wird gern gespottet. Plötzlich sind die Hormone schuld, wenn Frauen laut werden. Ich frage mich allerdings, ob die Erklärung nicht viel einfacher ist.

Vielleicht hören Frauen irgendwann einfach damit auf, sich ständig selbst zurückzunehmen, zu verbiegen oder verletzen zu lassen. Ich glaub, das ist ein ganz wilder Gedanke! Könnte aber was dran sein! Ich ermute, ich bin da was ganz heißem auf der Spur.

Nach Jahrzehnten voller Rücksichtnahme, Familienorganisation, Mental Load, Care Arbeit, Beruf und emotionaler Verantwortung entsteht irgendwann eine sehr einfache Frage:

Warum eigentlich immer ich?

Diese Frage wirkt auf viele Menschen bereits provokant. Ob mich das überrascht? Einerseits nein, die Frage stellen sich für meinen Geschmack noch zu wenig Frauen! Und andererseits ja! Natürlich überrascht mich das! 

Niemand würde einem Mann vorwerfen, egoistisch zu sein, weil er selbstverständlich davon ausgeht, dass seine Bedürfnisse ebenfalls wichtig sind. Frauen hingegen lernen erstaunlich früh, sich selbst hinten anzustellen. Wer jahrelang die Bedürfnisse anderer zuerst berücksichtigt, braucht oft lange, bis die eigenen überhaupt wieder hörbar oder spürbar werden. Wir Frauen haben doch mit all den Jahren der Kindheit, der Jugend und der Zeit in der Mutterschaft oder erstem Berufsleben erlernt, all die weibliche Intuition abzulegen und still zu sein. 

Ich glaube, genau deshalb wirkt weibliche Wut auf viele Menschen so heftig irritierend und ungewohnt. 

Wut gehört zu den Gefühlen, die Frauen gesellschaftlich nur in sehr kleinen Portionen zugestanden werden. Traurig dürfen sie sein. Einfühlsam auch. Hilfsbereit sowieso. Wütend hingegen möglichst nicht. Wut passt nicht in das Bild der freundlichen, verständnisvollen Frau. 

Dabei ist Wut oft eine ausgesprochen gesunde Reaktion, denn sie zeigt, dass Grenzen überschritten wurden und dass etwas nicht stimmt. Vor allem zeigt sie, dass jemand aufgehört hat, alles schweigend hinzunehmen.

Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen, was ich aber die ganze Zeit gefühlt habe.

In vielen meiner Beziehungen habe ich Wut als etwas empfunden, das möglichst schnell wieder verschwinden sollte. Heute höre ich genauer hin. Wut ist für mich inzwischen kein Gegner mehr. Sie ist ein Hinweis. Meistens zeigt sie ziemlich zuverlässig auf eine Grenze, die ich selbst viel zu lange ignoriert habe.

Vielleicht erklärt das auch, weshalb mich die Geschichte von Gisèle Pelicot so tief berührt hat. Ich gebe zu, dass ich oftmals während dem Anhören des Hörbuches zum Taschentuch griff, pausieren musste oder einige Erzählungen Zeit zur Verarbeitung brauchten. Frau Peliot hätte allen Grund gehabt, sich zu verstecken. Aber stattdessen entschied sie sich bewusst dafür, sichtbar zu bleiben und auf ihre eigene Art laut zu werden. Sie machte deutlich, dass Scham dorthin gehört, wo Gewalt ausgeübt wird, und nicht zu den Menschen, die sie erleiden mussten. Ihr Buch hat mich wirklich sehr tief berührt. 

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Dieser Perspektivwechsel erscheint eigentlich selbstverständlich und trotzdem war er für viele Menschen revolutionär und auch wegweisend!

Er zeigt, wie tief die Vorstellung noch immer verankert ist, dass Frauen möglichst leise mit dem umgehen sollen, was ihnen widerfahren ist. Sie sollen vergeben, vergessen und nach vorne schauen. Hauptsache, niemand fühlt sich unwohl. „Darüber rede man nicht!“ oder „Was sollen denn die Nachbarn / Onkel Hinz / Tanze Kunz von uns denken?!“ sind nur die zwei häufigsten „Argumente“, die man hört, um stillschweigen zu bewahren um den Schein zu wahren.

Ich teile diese Erwartung nicht mehr. 

Wenn Frauen laut werden, liegt das häufig daran, dass sie vorher sehr lange überhört wurden oder es wurde ihnen der Mund verboten. 

Deshalb freue ich mich über jedes Buch, das diese Zusammenhänge sichtbar macht. Eines davon stammt von Patrick van Lier. Man kannte ihn vor der Veröffentlichung des Buches auch als „Feministo“ auf Instagram. Mit der Veröffentlichung des Buches änderte er jedoch seinen Accountnamen und man findet ihn unter Patrick_vanlier mit wirklich tollem Content.

Das Buch selbst hat mich nicht deshalb beeindruckt, weil dort völlig neue Erkenntnisse stehen. Überraschung! Die wird man darin nämlich nicht finden. Beeindruckt hat mich etwas anderes. Beim Lesen wurde mir klar, wie viele Situationen ich jahrzehntelang als normal betrachtet hatte. Erst mit etwas Abstand erkannte ich, dass viele dieser Erfahrungen gar nichts mit mir persönlich zu tun hatten. Sie waren Ausdruck gesellschaftlicher Strukturen, die so alltäglich geworden sind, dass sie kaum noch auffallen. Und vielleicht ist dieses Buch einfach auch so wertvoll, weil es von einem Mann geschrieben wurde, der in diesem Buch auch mit dem Mythos aufräumt, man würde den Männern durch Feminismus etwas wegnehmen. 

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Genau deshalb wünsche ich mir, dass dieses Buch nicht nur Männer lesen. Ich wünsche mir vor allem auch viele Leserinnen die sich selbst darin wiederfinden und merken, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein sind. Und ich würde mir sogar wünschen, dass selbst mein Mann dieses Buch lesen würde, um noch mehr zu verstehen und sich selbst mehr zu hinterfragen. 

Ich hätte dieses Wissen gern schon mit zwanzig gehabt und hätte wahrscheinlich deutlich früher aufgehört, ständig an mir selbst zu zweifeln.

 

Wenn Vielfalt plötzlich zur Bedrohung erklärt wird

Vor einigen Tagen las ich den WhatsApp-Status einer Person aus meinen Kontakten, dass der bayerische Ministerpräsident mit einem Queer Aktionsplan eine „Genderideologie“ in alle Schulbücher schreiben wolle. Gleichzeitig wurde dazu aufgerufen, eine Petition zu unterschreiben und den Beitrag möglichst weit zu verbreiten.

Ich saß eine ganze Weile vor diesem Text und wusste zunächst gar nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Ich habe eine sehr standfeste Meinung, keine Frage! Ich befürworte es sehr, dass queere Menschen ein Recht auf Unversehrtheit und freie Wahl von Religion oder Sexualität haben sollen wie jeder andere Menschen ebenso. Aber ich frage mich ernsthaft, wie wir gesellschaftlich an einen Punkt gekommen sind, an dem die bloße Sichtbarkeit von Menschen bereits als Bedrohung dargestellt wird, als wäre es eine ansteckende und perverse oder tödliche Krankheit! Funfact: es ist keine! Ist nicht mal ansteckend. Es sollte eine ganz normale Realität sein, dass Menschen unterschiedlich sind und auch sein dürfen! 

Ich gehöre selbst zur queeren Community. Ich habe nicht nur Männer geliebt, sondern war auch über viele Jahre mit Frauen in Beziehungen oder zeitweise sogar beides gleichzeitig. Das ist weder eine Phase noch eine Ideologie. Es ist schlicht ein Teil von mir zu fühlen wie ich eben fühle. Deshalb irritiert es mich besonders, wenn über queere Menschen gesprochen wird, als wären sie ein gesellschaftliches Problem, das irgendwie gelöst werden müsse.

Queere Menschen entstehen nicht dadurch, dass man über Vielfalt spricht, denn die Menschheit war schon seit Beginn an vielfältig und bunt! Genauso wenig wird ein linkshändiges Kind rechtshändig, wenn im Unterricht nur Rechtshänder vorkommen. Und auch da kann ich aus eigener schmerzlicher Erfahrung sprechen, dass es für ein linkshändiges Kind kein Spaß ist, wenn die linke Hand zurückgebunden wird, damit man „auf Teufel komm raus“ mit rechts das Schreiben erlernt! Kinder werden nicht homosexuell, bisexuell oder trans, weil sie erfahren, dass es diese Menschen gibt. Sie erfahren lediglich, dass sie nicht allein sind und dass andere Menschen dieselbe Würde besitzen wie sie selbst.

Ich frage mich oft, warum dieses Wissen manchen Erwachsenen solche Angst macht.

Vielleicht liegt es daran, dass Vielfalt manche Menschen zwingt, die eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen. Solange alle möglichst ähnlich erscheinen, muss niemand über eigene Vorstellungen von Familie, Geschlecht, Sexualität oder Rollenbildern nachdenken. Sobald aber diese anders lebenden Menschen sichtbarer und lauter werden, die anders leben, entsteht plötzlich die angebliche oder gefühlte Notwendigkeit, die eigenen Überzeugungen zu überprüfen und das ist vermutlich sehr anstrengend. Wieso nicht einfach dem Spruch treu bleiben: Jedem Tierchen sein Pläsierchen? 

Mich beschäftigt dabei noch etwas anderes.

Ich bin Mutter von drei neurodivergenten Kindern. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn andere Menschen glauben, besser über das eigene Kind Bescheid zu wissen als die Menschen, die jeden einzelnen Tag mit diesem Kind leben. Ich kenne gut gemeinte Ratschläge von Menschen, die weder unsere Lebensrealität noch unsere Herausforderungen kennen. Und ich kenne Diskussionen, in denen über Kinder gesprochen wird, statt mit ihnen. Leider! 

Deshalb erkenne ich auch das Muster wieder:

  • Mal geht es um queere Menschen.
  • Mal um autistische Menschen.
  • Mal um Menschen mit ADHS.
  • Mal um Menschen mit körperlichen Behinderung.
  • Mal um Menschen mit Migrationsgeschichte.
  • Mal um Menschen mit psychischen Krankheiten.
  • Mal um Menschen ohne Beruf oder Bildung.
  • Mal um Menschen, die alleine Sorgearbeit leisten.

Die Label wechseln aber das Prinzip bleibt leider immer das selbe!

Immer wird eine Gruppe herausgegriffen und zur Erklärung gesellschaftlicher Probleme gemacht. Währenddessen geraten die eigentlichen Fragen erstaunlich selten in den Mittelpunkt. Warum fehlen Lehrkräfte? Warum warten Familien für ihre Kinder oder für sich selbst monatelang oder in meinem Fall jahrelang auf Diagnostik? Warum sind Beratungsstellen überlastet? Warum scheitern Inklusion und Teilhabe häufig an Bürokratie statt am guten Willen der Betroffenen? Warum sterben Menschen immer häufiger durch Suizid, statt therapeutisch begleitet zu werden?

Über diese Fragen wird deutlich seltener gesprochen.

Stattdessen diskutieren Politik und Menschen darüber, ob ein Kind wissen darf, dass es unterschiedliche Familienformen gibt.

Für mich ist das keine Bedrohung!

  • Eine Bedrohung ist, wenn Kinder lernen, andere Menschen wegen ihrer Identität abzuwerten.
  • Eine Bedrohung ist, wenn Jugendliche glauben, sie müssten sich verstecken, weil sie Angst vor Ablehnung haben.
  • Eine Bedrohung ist, wenn Erwachsene ihre Vorurteile als Kinderschutz verkaufen.
  • Eine Bedrohung ist, wenn Kinder falsche Werte von ihren Familien vorgelebt bekommen!

Vielfalt dagegen ist unser aller Alltag.

Unsere Gesellschaft bestand noch nie ausschließlich aus heterosexuellen, neurotypischen, gesunden Menschen mit identischen Lebensentwürfen. Der Unterschied ist lediglich, dass viele Menschen heute den Mut haben, sichtbar zu sein und sich über Social Media Plattformen auch vernetzen und aufklären können! 

Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft diese Sichtbarkeit nicht länger als Angriff verstehen.

Gerade als Feministin erscheint mir das selbstverständlich. Feminismus bedeutet für mich nicht, ausschließlich für die Rechte von Frauen einzutreten, die genauso leben wie ich. Feminismus bedeutet, jedem Menschen dieselbe Würde und dieselben Möglichkeiten zuzugestehen. Deshalb kann Feminismus aus meiner Sicht gar nicht anders als intersektional sein.

Intersektionalität klingt zunächst nach einem sperrigen wissenschaftlichen Begriff. Eigentlich beschreibt er nur eine einfache Beobachtung: Menschen bestehen nie aus einer einzigen Eigenschaft. Ich bin eine Frau. Ich bin Mutter. Ich bin selbstständig. Ich bin neurodivergent. Ich bin queer. Keine dieser Eigenschaften existiert losgelöst von den anderen. Sie beeinflussen sich gegenseitig und prägen meinen Blick auf die Welt.

Vielleicht reagiere ich deshalb so sensibel, wenn Minderheiten gegeneinander ausgespielt werden.

Ich weiß leider aus eigener Erfahrung, wie schnell Menschen beginnen, über einen zu sprechen, statt einem zuzuhören. Dieses Muster begegnet mir übrigens nicht nur in politischen Debatten. Es zeigt sich auch in den Medien.

Satire darf provozieren. Sie soll provozieren. Sie darf unbequem sein und sie darf auch wehtun. Was sie aus meiner Sicht nicht tun sollte, ist regelmäßig nach unten zu treten. Wer immer wieder diejenigen zur Zielscheibe macht, die ohnehin weniger gesellschaftliche Macht besitzen, stabilisiert bestehende Ungleichgewichte, anstatt sie zu hinterfragen.

Ich stelle mir also durchaus immer wieder die Frage, weshalb Redaktionen bestimmten Stimmen immer wieder große Bühnen bieten, obwohl deren Aussagen regelmäßig heftige Debatten über Diskriminierung auslösen. Diese Frage hat nichts mit Zensur zu tun. Niemandem wird die Meinungsfreiheit genommen. Meinungsfreiheit bedeutet aber auch, öffentliche Aussagen öffentlich kritisieren zu dürfen und von Redaktionen zu erwarten, dass sie Verantwortung für ihre Auswahl übernehmen.

Ähnlich irritiert haben mich Aussagen von Friedrich Merz, in denen Frauen vor allem über ihre Rolle als Töchter angesprochen wurden. Ich brauche keine gesellschaftliche Bedeutung, weil ich die Tochter eines Mannes bin. Ich brauche sie auch nicht, weil ich Ehefrau oder Mutter bin. Ich bin Bürgerin dieses Landes. Das genügt.

Vielleicht liegt genau hier der Kern meines persönlichen Feminismus. Ich wünsche mir keine Sonderrechte! Ich fordere für mich mehr Selbstverständlichkeiten. Ich fordere, dass Mädchen aufwachsen können, ohne ständig erklärt zu bekommen, wie sie sein sollen. Ich wünsche mir, dass Jungen lernen, Vielfalt nicht als Bedrohung zu betrachten. Und ich wünsche mir eine Gesellschaft, die endlich aufhört, Menschen gegeneinander auszuspielen, nur weil sie unterschiedlich leben oder fühlen.

Denn Unterschiede waren noch nie das Problem - der Umgang mit ihnen ist es!

 

Not all men. Und trotzdem erzählen Frauen dieselben Geschichten

Es gibt einen Reflex, der mich inzwischen fast genauso beschäftigt wie das eigentliche Thema. Kaum berichtet eine Frau öffentlich von Sexismus, Belästigung oder Gewalt, dauert es oft keine fünf Minuten, bis jemand schreibt: „Not all men.“ Und ja, es sind wirklich nicht alle Männer sexistisch, gewalltvoll oder belästigend! Das ist richtig. Ich habe allerdings auch noch nie behauptet, dass alle Männer gleich seien.

Die spannendere Frage lautet doch: Weshalb fühlen sich so viele Männer aufgefordert, diesen Satz sofort unter den Bericht einer Frau zu schreiben, anstatt sich zuerst mit dem auseinanderzusetzen, was sie gerade erzählt?

Wenn eine Frau von einer Grenzüberschreitung berichtet, geht es in diesem Moment um ihre Erfahrung. Wer die Diskussion sofort auf „nicht alle Männer“ lenkt, verschiebt den Fokus. Plötzlich steht nicht mehr die Frau im Mittelpunkt, sondern das Bedürfnis einiger Männer, sich von jeder Verantwortung zu distanzieren. Das hilft niemandem. Und der Frau mit ihrem Trauma schon mal gar nicht! 

Ich kenne viele Männer, die respektvoll sind. Männer, denen ich vertraue, die zuhören können und die Frauen auf Augenhöhe begegnen. Mit ihnen habe ich überhaupt kein Problem. Ganz im Gegenteil. Sie gehören zu den Menschen, die mir zeigen, dass es auch anders geht.

Und trotzdem erzählen Frauen überall dieselben Geschichten.

Frauen, die sich nie begegnet sind, berichten von Männern, die ein Nein nicht akzeptiert haben. Sie berichten ebenfalls von ungefragten Kommentaren über ihren Körper, von übergriffigen Nachrichten, von Situationen, in denen sie sich höflich herausreden mussten, obwohl sie am liebsten einfach gegangen wären. Irgendwann stellt sich nicht mehr die Frage, ob diese Geschichten wahr sind. Irgendwann stellt sich die Frage, weshalb sie sich so oft ähneln.

Vor einiger Zeit bin ich auf die Initiative „Franks Nummer“ gestoßen. Die Idee dahinter ist erschreckend einfach. Frauen können eine Telefonnummer weitergeben, die nicht ihre eigene ist, wenn sie sich in einer Situation befinden, in der sie ihre echte Nummer aus Angst oder Unsicherheit nicht herausgeben möchten oder sich bereits in einer Situation befinden, in der ein direktes Nein möglicherweise sogar gefährlich werden könnte.

Und allein die Tatsache, dass es solche Initiativen überhaupt braucht, sagt erschreckend viel über unsere Gesellschaft aus. Oder? ODER?? Eigentlich müsste diese Initiative gar nicht existieren. Eigentlich müsste ein Satz wie „Nein, ich möchte meine Nummer nicht herausgeben“ vollkommen ausreichen, ohne sich rechtfertigen oder erklären zu müssen.

Tut er aber offensichtlich nicht! 

Mich hat dabei nicht nur die Idee beschäftigt, sondern vor allem die Tatsache, dass Frauen sofort verstanden haben, warum es so etwas braucht. Fast jede Frau kennt Situationen, in denen sie lieber höflich gelächelt hat, obwohl sie eigentlich längst gehen wollte. Fast jede Frau kennt den Gedanken: Wie komme ich hier möglichst konfliktfrei wieder heraus? Wo ist die Türe? Ist sie zu öffnen oder sogar abgeschlossen? Kann ich unauffällig noch in meiner Jackentasche jemanden anrufen über mein Handy? Fährt das Auto bereits zu schnell um noch rauszuhüpfen? (Ja, und auch diese Erfahrungen habe ich durchlebt und ÜBERLEBT!)

Ebenfalls gibt es viele internationale Handzeichen, die man nutzen kann und sollte, wie zum Beispiel dieses hier bei Gewalt: 

Man ist in einer Bar, möchte mit seinen Freundinnen nur ein wenig tanzen oder feiern, möchte sich unterhalten und dann kommt ein Mann und auch wieder wird hier ein Nein nicht akzeptiert. Viele Bars bieten folgenden Service an: Frag an der Bar oder beim Personal nach Luisa!

"Ist Luisa hier?"

Mehr Infos auf der Webseite hinter dem Sticker. (unbeauftragte Werbung - Beratungsstelle Frauen-Notruf Münster)

Viele Männer kennen diesen Gedanken überhaupt nicht.

Das ist kein Vorwurf, sondern nur eine Beobachtung. Ich glaube, genau deshalb reden Frauen und Männer bei diesem Thema oft aneinander vorbei. Wer nie erlebt hat, dass aus einem freundlichen Gespräch plötzlich eine unangenehme Situation wird, hält viele Vorsichtsmaßnahmen für übertrieben. Wer solche Situationen mehrfach erlebt hat, entwickelt Strategien, weil Erfahrungen das Verhalten verändern. Aktion - Reaktion und aus der Erfahrung heraus erfolgt Strategie und Voraussicht. So einfach ist das!

Mich macht traurig, dass wir Frauen inzwischen einen ganzen Werkzeugkasten für solche Situationen an die nächste weibliche Generation mitgeben.

  • Pfefferspray (übrigens nur bei Tieren straffrei anwendbar!)
  • Standort teilen
  • Schlüssel zwischen die Finger
  • Nicht allein nach Hause gehen
  • Getränke nicht unbeaufsichtigt lassen
  • „Franks Nummer“
  • Selbstverteidigungs-Workshops

Das alles wird fast selbstverständlich weitergegeben, als würde es zu den normalen Dingen gehören, die ein Mädchen fürs Erwachsenwerden lernen muss. Und dann las ich einen Hinweis, der mich bis heute nicht loslässt.

  • Glitzer im Genitalbereich um Spuren zu hinterlassen
  • Blut und Hautpartikel mit Fingernägeln sichern bei körperlicher Gewalt und Übergriffen

Frauen wurde erklärt, sie sollten sich bei einem sexuellen Übergriff möglichst heftig wehren und dabei versuchen, Hautpartikel oder Blut des Täters unter ihren Fingernägeln zu sichern. Diese Spuren könnten später bei den Ermittlungen wichtig sein und die Glaubhaftigkeit der Frau sichern.

Ich weiß, weshalb dieser Rat gegeben wird. Ich verstehe den kriminalistischen Hintergrund. Trotzdem saß ich nach diesem Text erst einmal sprachlos da. Und ja! Auch ich saß schon vor dem Spiegel und wartete hoffnungsvoll auf Hämatome am Hals, um eine Anzeige gegen einen männlichen Gewalttäter in der Familie zu überführen.

Wie verrückt ist das eigentlich?

Wir erklären Frauen, wie sie Beweise sichern können, nachdem ihnen möglicherweise Gewalt angetan wurde. Wir sprechen darüber, welche Kleidung sie nach der Tat nicht wechseln sollten und welche Spuren wichtig sein könnten. Ich frage mich, weshalb wir nicht dieselbe Energie investieren, um Jungen und Männern von Anfang an beizubringen, dass ein Nein keine Verhandlung eröffnet. Das ist genau der Punkt, an dem mich diese Diskussion so wütend macht. Wir behandeln Prävention häufig so, als sei sie vor allem Aufgabe der möglichen Opfer. Dabei müsste sie in erster Linie dort beginnen, wo Grenzen überschritten werden.

 

But allways a Man. Und trotzdem erzählen Frauen dieselben Geschichten. 

Ich habe oft den Eindruck, dass wir Gewalt viel zu spät beginnen zu sehen.

In den Nachrichten sehen wir den Polizeieinsatz, den Gerichtsprozess oder die getötete Frau. Davor liegen oft Monate oder Jahre, über die kaum bis gar nicht gesprochen wird. Dabei beginnt Gewalt selten mit einer Ohrfeige und fast nie mit einem Mord. Sie beginnt so viel früher.

Grenzen werden regelmäßig überschritten und das Gegenüber lernt somit, dass dafür keinerlei Konsequenzen folgen. Den Frauen wird dann gleich erklärt, sie sollten sich über einen Kommentar nicht so aufregen, während dann auch gleich die Eifersucht als Liebesbeweis verkauft wird. Und Kontrolle wird plötzlich als Fürsorge definiert. Ein klares Nein wird zu einem “Ach komm schon”. Viele Frauen stellen ihr eigenes Bauchgefühl infrage, weil ihnen oft genug eingeredet wurde, sie würden übertreiben.

Ich habe das selbst oft genug in meinem Leben erlebt. Ich kenne das Gefühl, dass eine Grenze von mir ausgesprochen wurde und diese trotzdem diskutiert werden sollte. Ich kenne Menschen, die glaubten, ein Kontaktabbruch sei lediglich eine Meinungsverschiedenheit, über die man irgendwann noch einmal sprechen müsse. Ich kenne Kommentare, die angeblich harmlos gemeint waren und bei denen am Ende ich erklären sollte, weshalb sie mich störten.

Irgendwann stellte ich mir folgende Fragen: Warum muss eigentlich immer die Frau begründen, weshalb ihr etwas unangenehm ist? Warum muss nicht derjenige erklären, weshalb er glaubt, sich so verhalten zu dürfen?

Diese Verschiebung der Verantwortung begegnet Frauen ständig. Wer einen übergriffigen Witz kritisiert, gilt schnell als humorlos. Wer eine Bemerkung über den eigenen Körper nicht als Kompliment empfindet, sei empfindlich. Wer einen Kontakt beendet, müsse doch wenigstens erklären, warum.

Ich teile diese Sichtweise schon wieder nicht.

Ein erwachsener Mensch darf Grenzen ziehen, ohne dafür eine Gerichtsverhandlung eröffnen zu müssen. Besonders deutlich wird das bei Trennungen. Immer wieder werden Frauen gefragt, ob sie dem Mann ihre Entscheidung ausreichend erklärt hätten. Ob sie vielleicht deutlicher hätten sein müssen. Ob sie ihm noch eine Chance hätten geben sollen. Kaum jemand fragt den Mann, weshalb er die Entscheidung nicht akzeptiert hat.

Diese Perspektive fehlt mir in vielen Diskussionen.

Sie fehlt auch, wenn über Femizide berichtet wird. Noch immer lese ich Schlagzeilen, in denen von einem Familiendrama, einer Beziehungstat oder einem Eifersuchtsdrama die Rede ist. Diese Wörter klingen beinahe so, als seien zwei Menschen gemeinsam in eine Tragödie geraten. Das waren sie nicht! Eine Frau wurde getötet. Häufig, weil sie gegangen ist oder zumindest weil sie endlich den Mut hatte, gehen zu wollen. Vielleicht hatte sie auch das Recht für sich in Anspruch genommen, über ihr eigenes Leben zu bestimmen.

Ich  halte den Begriff Femizid für ausgesprochen wichtig. Er beschreibt nicht jedes Tötungsdelikt an einer Frau. Er macht aber sichtbar, dass Frauen in bestimmten Fällen und mit einem sichtbaren Muster gerade deshalb getötet werden, weil sie Frauen sind und weil ein Mann ihren Willen oder ihre Selbstbestimmung nicht akzeptiert. Ganz oft wird der Femizid nur als Todschlag gewertet statt als Mord an einer Frau, weil der Mann sich ja bereits selbst damit bestraft hätte, was er eigentlich hätte behalten wollen: die Frau. 

Viele Männer reagieren auf solche Themen mit dem Satz: „Aber Männer werden doch auch Opfer von Gewalt.“

Natürlich werden sie das. Nur wird Gewalt gegen Männer nicht kleiner, wenn wir über Gewalt gegen Frauen sprechen. Genauso wenig wird Gewalt gegen Frauen kleiner, wenn wir das Thema wechseln. Beides verdient Aufmerksamkeit. Beides darf gleichzeitig existieren.

Ich wünsche mir deshalb eine andere Reaktion und keine Rechtfertigung und schon gar kein Wegsehen oder wie so oft ein sofortiges “Not all men”. Es sollte keinen Wettbewerb darüber geben, wer das größere Leid erlebt.

Ich wünsche mir Männer, die ihrem Freundeskreis oder den Kollegen widersprechen, wenn diese Frauen abwerten. Ich wünsche mir mehr Männer in dieser Gesellschaft, die einen sexistischen Witz nicht einfach mit einem Lachen quittieren. Es sollte mehr Männer geben, die ihren Söhnen beibringen, dass Beharrlichkeit dort endet, wo ein anderer Mensch Nein sagt. Es braucht mehr Männer, die nicht wegschauen, wenn Grenzen überschritten werden.

Genau dort beginnt Verantwortung und nicht erst in einem Gerichtssaal, wenn es bereits eine Schlagzeile dazu gab. 

Vielleicht würde sich dann auch die Frage erledigen, weshalb Frauen überall dieselben Geschichten erzählen. Ich wünsche mir den Tag, an dem junge Frauen über „Franks Nummer“ nur noch den Kopf schütteln und fragen: „Warum brauchte man so etwas früher eigentlich?“

Ich hoffe sehr, dass wir ihnen dann antworten können:

„Weil wir es irgendwann geschafft haben, unsere Gesellschaft zu verändern.“

 

Was wir endlich aufhören sollten, Frauen zu erklären

Je älter ich werde, desto öfter fällt mir auf, wie viele Ratschläge Frauen im Laufe ihres Lebens ungefragt erhalten. Wir sollen freundlicher sein oder zumindest mal lächeln, aber nicht naiv sein. Wir Frauen sollen selbstbewusst auftreten, aber bloß nicht arrogant wirken. Wir sollen Grenzen setzen, dabei jedoch niemanden verletzen, ausgrenzen oder Bedürfnisse des anderen übergehen. Wir sollen gefälligst Karriere machen, aber gleichzeitig genügend Zeit für die Familie haben und möglichst entspannt dabei aussehen. Falls wir erschöpft sind, wird uns empfohlen, besser zu planen, öfter Nein zu sagen oder endlich einmal an uns selbst zu denken. Und wenn wir uns krank oder schlecht fühlen, dann sollen wir uns nicht so anstellen oder ein wenig abnehmen. Diese Ratschläge sind häufig gut gemeint. Sie ändern nur nichts an den Ursachen.

Selbst sogenannte Profis wie Therapeuten überlegen nicht unbedingt, wie die Last des Alltags möglicherweise besser verteilt werden und eine gewisse Entlastung des Mental Loads erreicht werden kann. Es gab in meinem "Spiel des Lebens" bereits so manchen Moment, bei dem ich dachte, dass dieser Mensch es nicht ernst meinen konnte, als dieser mir empfahl, vielleicht doch lieber wieder zum Wein oder zum Joint zu greifen.

Gab es da nicht mal was für mehr Spannkraft, Frische und innere Ausgeglichenheit in den Sechzigern? Scheint also, als seien manche dort in der Zeit hängen geblieben, aber ich will es nicht beschwören müssen... 

 

Ich habe den Eindruck, dass wir seit Jahrzehnten versuchen, Frauen beizubringen, besser mit einem ungerechten System zurechtzukommen, anstatt das System selbst infrage zu stellen.

Deshalb wundere ich mich über manche Diskussionen. Frauen wird erklärt, wie sie Belästigungen vermeiden können. Mädchen lernen, nachts nicht allein in einem knappen Outfit unterwegs zu sein, Getränke nicht aus den Augen zu lassen und vorsichtig zu sein, wenn sie ihre Telefonnummer herausgeben. Weshalb führen wir dieselben Gespräche nicht mit Jungen? Weshalb erklären wir ihnen nicht mit derselben Selbstverständlichkeit, wie Respekt aussieht, wie wichtig Zustimmung ist und dass ein Nein keinen Interpretationsspielraum lässt?

Mir fällt außerdem auf, wie oft Frauen ihre Entscheidungen begründen sollen. Eine Frau kündigt ihren Job und soll erklären, weshalb sie kündigt. Sie trennt sich und soll erklären, weshalb sie sich trennt. Sie möchte keine Kinder und soll erklären, weshalb oder aber sie möchte Kinder und soll ebenfalls erklären, weshalb. Sie bricht den Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie ab und wird gefragt, ob das wirklich nötig gewesen sei. Ist schließlich die Blutslinie! Ein Mann trifft dieselben Entscheidungen oft, ohne dass daraus eine öffentliche Anhörung wird.

Ich habe viele Jahre geglaubt, ich müsse meine Grenzen besonders gut erklären, damit andere sie akzeptieren. Heute sehe ich das anders. Eine Grenze wird nicht dadurch berechtigt, dass sie ausführlich begründet wird. Sie ist berechtigt, ganz einfach weil sie meine Grenze ist.

Genau das fällt vielen Frauen schwer. Sie sind auch deswegen nicht schwach, sondern weil sie von klein auf lernen, Harmonie herzustellen. Sie sollen vermitteln, schlichten, Verständnis haben und Konflikte vermeiden. Wer so aufwächst, fragt sich irgendwann automatisch, ob das eigene Nein vielleicht zu hart war. Ich kenne diese Gedanken gut. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich deutlich mehr Zeit damit verbringe, meine Entscheidungen zu erklären, als andere Menschen damit verbringen, sie zu hinterfragen.

Heute mache ich das immer seltener - zum Glück für mich und zum Leidwesen anderer…

Ich muss niemanden davon überzeugen, weshalb ich keinen Kontakt mehr zu bestimmten Menschen möchte. Ich muss auch niemandem erklären, weshalb ich einen Kommentar sexistisch oder warum ich politische Aussagen problematisch finde. Wer sich ernsthaft für meine Sicht interessiert, darf selbstverständlich fragen. Zwischen einer ehrlichen Frage und der Erwartung einer Rechtfertigung liegt allerdings ein großer Unterschied. Und ich bin froh, dass ich den Unterschied mittlerweile auch erkennen kann! 

Vielleicht ist genau das einer der größten Unterschiede zwischen der Frau, die ich einmal war, und der Frau, die ich heute bin. Früher habe ich nach Gründen gesucht, warum andere sich so verhalten. Heute interessiert mich viel mehr, weshalb ich so lange geglaubt habe, dieses Verhalten aushalten zu müssen.

Dabei denke ich oft an meine Kinder. Ich wünsche mir, dass sie mit einem anderen Selbstverständnis groß werden. Sie sollen wissen, dass ihr Nein gilt. Sie sollen lernen, dass Entschuldigungen wichtig sind, wenn man einen Fehler gemacht hat, aber nicht, wenn man eine Grenze setzt. Sie sollen sich entschuldigen, wenn sie jemanden verletzt haben und den Fehler sehen und hierfür die Verantwortung übernehmen. 

Genau so eine Haltung verändert doch erst eine Gesellschaft langfristig. Was wäre es für ein Leben, wenn ein Nein eines Kindes respektiert würde? Was wäre es für ein Leben für einen Jungen, der lernt, dass Beharrlichkeit keine Tugend ist, wenn sie die Freiheit eines anderen Menschen einschränkt? Was macht es mit einem Mädchen, das nicht dafür gelobt wird, wie hübsch es aussieht, sondern dafür, wie klug, mutig oder kreativ es ist? Wie würde das Leben wohl sein, wenn Eltern ihren Kindern zuhören würden, anstatt sie kleinzureden oder Lehrkräfte, die Unterschiede nicht als Störung, sondern als Vielfalt begreifen? 

Ich bin überzeugt, dass Feminismus genau so beginnt. Es beginnt nicht erst auf Demonstrationen und nicht erst in Parlamenten, sondern am eigenen Küchentisch, im Kinderzimmer, in der Schule, im Freundeskreis und in jeder Situation, in der wir entscheiden, ob wir einen Menschen ernst nehmen oder ihm erklären, weshalb seine Wahrnehmung angeblich falsch ist.

Das wäre doch vermutlich ein echt guter Anfang: Weniger Erklärungen für Frauen und deutlich mehr Respekt für ihre Entscheidungen. Ich glaube nämlich nicht, dass Frauen grundsätzlich mutiger werden müssen. Ich glaube, wir brauchen eine Gesellschaft, die endlich aufhört, weibliche Selbstbestimmung wie eine Einladung zur Diskussion zu behandeln.

 

Vielleicht ist das Radikalste, einfach in Ruhe gelassen werden zu wollen

Als ich mit diesem Text begonnen habe, wollte ich über meine Herkunftsfamilie schreiben. Über Menschen, zu denen ich seit Jahren keinen Kontakt mehr möchte, über Grenzüberschreitungen und über die Entscheidung, nie wieder aus familiären Gründen nach Nordrhein-Westfalen zu fahren.

Während des Schreibens wurde mir klar, dass meine Herkunft eigentlich nur das erste Kapitel ist. Die Muster sind mir später überall wieder begegnet. In Arztpraxen. In Behörden. Im Internet. Im Alltag. Immer wieder ging es darum, dass andere glaubten, meine Wahrnehmung besser beurteilen zu können als ich selbst. Immer wieder sollte ich erklären, weshalb mich etwas verletzt, weshalb ich Grenzen ziehe oder weshalb ich bestimmte Entscheidungen treffe.

Früher habe ich das alles getan:

  • Ich habe erklärt und argumentiert.
  • Ich habe Debatten geführt und wurde dafür sogar belächelt.
  • Ich habe begründet und gerechtfertigt.
  • Ich habe versucht, verständlich zu sein.
  • Ich habe gehofft, dass Menschen mich besser respektieren würden, wenn sie meine Gründe kennen.
  • Ich habe runtergeschluckt… 

Respekt entsteht nicht durch gute Argumente.

Wer einen Menschen respektiert, akzeptiert auch dessen Nein. Wer ihn nicht respektiert, findet selbst nach der ausführlichsten Erklärung noch einen Grund, weshalb dieses Nein angeblich übertrieben, unverständlich oder ungerecht sei. Es hat ein wenig was von Tauben in einem Stadtpark, welche die Schachfiguren umwerfen und auf das Spielbrett kacken.

Diese Erkenntnis hat mein Leben und meine Strategie verändert:

  • Ich verbringe deutlich weniger Zeit damit, Menschen überzeugen zu wollen.
  • Ich diskutiere meinen Kontaktabbruch nicht mehr.
  • Ich erkläre meine Grenzen nicht mehr jedem, der sie infrage stellt.
  • Ich rechtfertige mich nicht mehr dafür, dass ich bestimmte Menschen nicht in meinem Leben haben möchte.

Und ich werde ganz sicher nicht nach Nordrhein-Westfalen fahren, weil irgendjemand der Meinung ist, Familie oder Blutslinie sei wichtiger als die Selbstachtung.

Respekt ist keine Einbahnstraße.

Ich habe lange gebraucht, um das auszusprechen, obwohl ich es vermutlich schon als Kind, dieses schwarze Schaf der Familie, gespürt habe.

Wenn ich heute an das kleine Mädchen denke, das weinend beim Friseur saß und trotzdem kurze Haare bekam, weil Erwachsene es besser zu wissen glaubten, würde ich es am liebsten in den Arm nehmen. Nicht, weil die Haare das Schlimmste waren. Sondern weil dieses Mädchen sehr früh gelernt hat, dass ein deutlich ausgesprochenes Nein manchmal einfach übergangen wird.

Dieses Mädchen gibt es noch, aber es ist nur erwachsen geworden und schreibt heute Widersprüche an Behörden, diskutiert mit Ärzten, widerspricht sexistischen Kommentaren und vor allem setzt es Grenzen.

Das kleine Mädchen von früher sagt heute laut und klar Nein.

Der Unterschied ist, dass heute niemand mehr über meinen Kopf hinweg entscheidet. Und im Umkehrschluss werde ich mit diesem Text nicht alle von meiner Ansicht oder Meinung überzeugen und das war auch nie mein Ziel. Es wird Menschen geben, die meine Entscheidung für übertrieben halten und andere werden meinen Feminismus sehr anstrengend finden. Wieder andere werden glauben, ich hätte doch einfach früher loslassen sollen.

Alle dürfen denken, was sie wollen und ich muss wirklich keinen Menschen vom Gegenteil überzeugen. 

Ich habe diesen Text auch nicht geschrieben, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Dafür ist Therapie da. Ich habe ihn geschrieben, weil ich keine Lust mehr habe, so zu tun, als seien all diese Erfahrungen voneinander getrennt. Sie gehören zusammen. Sie erzählen die Geschichte einer Frau, die sehr lange versucht hat, sich Respekt zu erarbeiten und irgendwann verstanden hat, dass Respekt nichts sein sollte, worum man kämpfen muss oder was man sich verdienen sollte.

Ich schreibe weiter über 

  • Feminismus.
  • Neurodivergenz.
  • Care Arbeit.
  • Medical Gaslighting.
  • Adultismus.
  • Frauen, die laut werden.
  • Männer, die zuhören.
  • Politik.
  • Ungerechtigkeiten.
  • Über all die kleinen Dinge, die angeblich nicht der Rede wert waren und die in ihrer Summe ganze Biografien prägen.

Die verbale Klatsche wird es deshalb auch weiterhin geben, weil ich überzeugt bin, dass Veränderung erst dort beginnt, wo Menschen aufhören zu schweigen. Und falls irgendwann jemand fragt, weshalb ich den Kontakt zu meiner Herkunftsfamilie beendet habe, werde ich vermutlich keine lange Geschichte mehr erzählen.

Ich werde einfach sagen:

Weil Respekt keine Verhandlungssache ist!

Das reicht. 

   
 
Telefonnummern in einer akuten Krise
  • Telefon-Seelsorge: Telefon 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 (24h, kostenfrei)
  • Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS: Telefon 116 006 (7-22 Uhr, kostenfrei)
  • Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: Telefon 08000/116 016 (24h, kostenfrei)
  • Kinder- & Jugend-Sorgentelefon: +49 116 111
  • Krisendienst Bayern (psych. Beratung): 0800/ 655 3000
  • Online-Chat für alle: online.telefonseelsorge.de 
  • Sofort-Chat Gewalt gegen Frauen: www.hilfetelefon.de
  • Hilfetelefon Gewalt an Männern: Telefon 0800/1239900
  

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