Mütend durch das System Vol.2 – oder: Wie man an Dopamin rankommt

Es geht weiter…

Ende April 2026

Selbstverständlich geht es weiter, denn Systeme haben die bemerkenswerte Eigenschaft, niemals wirklich zu stoppen, sondern höchstens die Geschwindigkeit zu variieren, während man selbst irgendwie mithalten soll. Und so verließ ich nach der letzten Sitzung meinen Therapeuten nicht mit einem Gefühl von Klärung oder Fortschritt, sondern mit einer sehr klaren, fast schon erschreckend nüchternen Frage im Kopf: nämlich wie ich diesen Menschen möglichst schnell und möglichst schadensarm wieder loswerde, ohne dabei gleichzeitig das nächste bürokratische Minenfeld auszulösen, das mir am Ende noch mehr Energie abverlangt, als ich überhaupt noch aufbringen kann.

Und während ich nach Hause fuhr, kreiste mein Kopf nicht etwa um therapeutische Inhalte oder neue Erkenntnisse, sondern um ganz praktische Überlebensfragen wie die, ob die Krankenkasse eine neue Verhaltenstherapie überhaupt bezahlt, wenn ich die alte abbreche, oder ob ich dann wieder am Anfang stehe wie in einem besonders schlecht programmierten Videospiel ohne Speicherfunktion, während gleichzeitig im Hintergrund die nächste Frage dröhnte: würde ich eine neue Verhaltenstherapie finden? 

Und warum hat sich die Trauma Ambulanz des Klinikum Garmisch-Partenkirchen immer noch nicht zurückgemeldet? Wurde dort meine E-Mail gelesen oder ist sie einfach in einem digitalen Nirwana verschwunden, in dem Zeit und Dringlichkeit keinerlei Bedeutung mehr haben? Parallel dazu stellt sich mir dieses absurde Hin und Her in meinem Kopf, ob ich nun ADHS habe oder nicht, weil mein Therapeut sich in dieser Frage bewegt wie ein Fähnchen im Wind, das je nach Gesprächslage und persönlichem Eindruck mal in die eine und mal in die andere Richtung ausschlägt, während ich bis heute nichts Schriftliches in der Hand habe, sondern lediglich mündliche Aussagen wie „das liegt sehr nahe“. Ja, und das ist ungefähr so belastbar wie ein Versprechen auf einer Serviette.

Und dann kam in der Sitzung dieser Moment, in dem er mich fragte, was ich denn konkret tun könne, um mich zu entspannen. Das ist eine Frage, die in der Theorie wunderbar klingt und in der Praxis ungefähr so hilfreich ist wie der Hinweis, man solle bei Sturm doch einfach ruhiger atmen. Ich erklärte ihm, dass ich das nicht kann, nicht weil ich mich verweigere oder keine Lust habe, sondern weil ich eine pflegende Mutter von drei neurodivergenten Kindern bin, die jeweils eigene Anträge, Termine, Hilfeplangespräche und Begutachtungen mit sich bringen, die ich koordinieren oder einhalten muss, weil es niemand sonst tut! Schon wieder sagte ich ihm das! Und dass Prokrastination kein Ausruhen ist, sondern ein Zustand, in dem mein Nervensystem schlichtweg überlastet ist, während mein Kopf gleichzeitig weiterläuft, Pläne schmiedet und Lösungen sucht! Schon wieder! Und dass ich keine Antriebslosigkeit im depressiven Sinne erlebe, sondern eine exekutive Dysfunktion, die sich anfühlt, als hätte ich einen vollgetankten Motor ohne Zündschlüssel, dazu Gas gebe mit angezogener Handbremse! Und dass ich den Verdacht habe, dass hier ein massiver Dopaminmangel eine Rolle spielt, woraufhin er mir allen Ernstes vorschlug, ich könne ja mit dem Rauchen anfangen, weil Nikotin Dopamin ausschüttet!

Echt jetzt?? 

Und in diesem Moment fragte ich mich kurz, ob ich mich in einer therapeutischen Sitzung befinde oder in einer sehr schlecht geschriebenen Satire, denn die Vorstellung, dass ich mit fast fünfzig Jahren beginnen soll, mir eine Sucht anzueignen, um ein neurobiologisches Problem zu kompensieren, hat eine gewisse absurde Eleganz, die man fast bewundern könnte, wenn sie nicht so erschreckend real wäre. Und ich fragte ihn stattdessen entsprechend, ob er das ernst meine, und ergänzte, ob ich dann nicht gleich noch das Kiffen anfangen solle, dann hätte ich zumindest meine Schlafstörungen gleich mit „therapiert“. Man darf sich vorstellen, dass das Gespräch dann endgültig kippte und er mir mitteilte, ich sei ihm zu aggressiv und er wisse nicht, wie er mit mir weiterarbeiten solle. Während ich ihm darauf sagte, dass ich das ebenfalls nicht wisse, weil ich ohnehin das Gefühl habe, nicht gehört zu werden, egal wie oft ich Dinge wiederhole, fuhr ich nach Hause – mütend! Schon wieder!

Und zwar nicht einfach wütend, sondern in diesem sehr speziellen Zustand, in dem Erschöpfung und Klarheit gleichzeitig existieren und man genau weiß, dass man jetzt handeln muss, obwohl man eigentlich keine Ressourcen mehr hat. 

Zombie-Apocalypse is loading… 

Irgendwer hat an diesem Tag ein Mentos in die Kola geworfen – der Druck musste raus, und zwar schleunigst!

Und genau deshalb griff ich noch im Auto zu Headset und Telefon und rief beim Klinikum in Garmisch-Partenkirchen an, stellte mich vor und fragte nach meiner E-Mail von Mitte März und nach dem Arzt, bei dem ich ursprünglich war. Ich bekam die Antwort, dass dieser nicht mehr in der Trauma Ambulanz arbeite und keine Mails mehr lese, was in seiner Konsequenz ungefähr bedeutet, dass meine Anfrage in einer Art administrativem Bermuda-Dreieck verschwunden ist. Ungelesen! Ohne Auto-Response einer Info oder Weiterleitung an andere Vertretungen…

Und dann – wie hätte es anders sein sollen – sagte man mir, ich sei hier in Garmisch falsch und ich müsse nach Peißenberg. Also rief ich in Peißenberg an, erklärte erneut alles von September 2024 bis heute: sorgfältig, strukturiert, inzwischen fast routiniert, nur um zu hören, dass ich auch dort falsch sei und nach Landsberg müsse, was ich wiederum mit dem Hinweis quittierte, dass dort keine Diagnostik stattfindet und ich das seit Jahren weiß.

Und dann begann das, was man nur noch als modernen „Passierschein A38“-Moment bezeichnen kann:

 

Antragsformular: Passierschein A38 (PDF)

Die Mitarbeiterin in Peißenberg rief parallel in Garmisch an, vergaß jedoch, ihr Mikrofon auszuschalten, sodass ich live mithören konnte, wie innerhalb des Systems diskutiert wurde, wer denn nun für mich zuständig sei, inklusive der sehr klaren Aussage, dass man Patienten nicht einfach hin- und herschieben könne! Ich müsse einen Termin bekommen, weil ich eh bereits in deren Hause bekannt sei…

Und ich saß da, hörte zu und hatte das Gefühl, in einer schlecht organisierten Theateraufführung gelandet zu sein, in der alle Beteiligten ihre Rollen halb kennen, aber niemand den Überblick über das Stück hat, bis schließlich entschieden wurde, mich zurück nach Garmisch zu schicken.

Die Dame aus Peißenberg beendete recht abrupt das Telefonat mit Garmisch und hat mir dann auch freundlich mitgeteilt, verbunden mit dem Wunsch, ich möge mich erneut dort melden, was ich dann im Anschluss nach der Verabschiedung auch gleich tat. Ich rief erneut direkt in Garmisch an und plötzlich ging alles erstaunlich schnell: ich bekam einen Termin, den 28. Mai um 9 Uhr!

Ich fragte reflexartig, welches Jahr gemeint sei, weil ich innerlich bereits auf 2027 eingestellt war! (Ist leider gar nicht so abwegig, denn in anderen Landkreisen wie Regensburg sind es mittlerweile 2 Jahre Wartezeit auf einen psychiatrischen Ersttermin.)

Doch nein, es war tatsächlich dieses Jahr! Ich sagte natürlich direkt zu und bekam noch den Hinweis, ein EKG und Laborwerte mitzubringen, wenn mir das möglich sei. Also organisierte ich (natürlich) direkt im Anschluss einen Termin beim Hausarzt und stand kurze Zeit später in meiner Küche, vollkommen erschöpft, leicht fassungslos und mit der sehr nüchternen Erkenntnis, dass ich gerade durch eine Mischung aus Hartnäckigkeit, Zufall und systeminternem Streit und einem verbalen Mentos in meiner imaginären Kola einen Termin bekommen habe, der mir ursprünglich mit der Begründung verweigert wurde, ich sei zu labil! 

Aber vielleicht ist genau das die Antwort auf die Frage nach dem Dopamin, nämlich dass es sich nicht um große, erfüllende Glücksmomente handelt, sondern um diese kleinen, absurden Siege in einem System, das einem eigentlich keine geben will:

  • ein Termin nach monatelangem Stillstand,
  • ein Schritt nach endlosem Kreislauf,
  • ein Moment, in dem etwas funktioniert, obwohl alles dagegen spricht.

Und während ich das schreibe, bin ich nicht erleichtert, sondern mütend, weil es diesen Kraftakt gebraucht hat, um etwas zu erreichen, das von Anfang an möglich gewesen hätte sein müssen! Ich habe längst verstanden, dass man in diesem System nicht weiterkommt, indem man leise bleibt, sondern indem man laut genug wird, um überhaupt gehört zu werden, auch wenn genau das einem später wieder als Problem ausgelegt wird.

Ich bin zu hysterisch, zu aggressiv, zu labil, zu weinerlich… 

Funfact: nein, bin ich nicht! Ich bin zwar emotional, aber man sieht ja an so vielen Männern, was passiert, wenn man Emotionen unterdrückt und diese dann unkontrolliert ausbrechen! Würde ich mich nicht so im Griff haben, würde ich nicht nur laut sein, sondern womöglich mit vielen anderen emotionalen Frauen die Welt anzünden! Aber dies ist ein anderes Thema…

 

 

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