Ja, ich bin auch systemrelevant!

Meine Sicht der Dinge:

Seit dem 20. März gibt es nun einen Logdown – alles ist im Ruhemodus oder Standby, große und kleine Firmen haben ihre Maschinen abgestellt, Geschäfte bleiben bis auf Weiteres geschlossen, Arbeitnehmer bleiben daheim und verlieren im schlimmsten Fall sogar ihre Arbeitsplätze.

Doch da, bei all dem Stillstand, gibt es noch andere Menschen, die dem Logdown trotzen!

Die Systemrelevanten!

Ich könnte nun alle diese wichtigen Menschen aufzählen, die weiterhin „den Laden am Laufen halten“, Berufe und Jobs auflisten, die für all die Daheimgebliebenen die Stellung halten! Es sind die systemrelevanten Aufgaben, die einfach nicht stillstehen dürfen, weil sonst alles den Bach runter geht! Denn ganz oben steht die Gesundheit aller Bürger!

Klar ist, dass seit vielen Jahren die Pflege selbst (sei es stationär oder ambulant – ich persönlich kenne beide Seiten!) den Bach runter geht! Zu wenig Löhne, zu viele Überstunden, zu niederiger Personalschlüssel auf zu viele Pflegebedürftige, zu hohe Kosten für Pflegeeinrichtungen, zu wenig Pflegegeld um sich stationäre oder auch ambulante Pflege leisten zu können, zu wenig Auszubildende, zu viele Vorurteile, zu wenig Aufklärung, zu viel Politik, zu wenig ernstgenommen-werden, die Liste ist lang..!

Hier sei erwähnt, dass ich nun wirklich nicht über meine Arbeitgeberin klagen könnte – im Gegenteil! Noch nie hab ich mich so wohl in einem Team gefühlt wie dort, wo ich seit September 2018 bin!

Den Einrichtungen und Pflegediensten sind in Sachen Gehälter und Tarifen die Hände gebunden! Wer kann schon mehr an seine Arbeiter-Ameisen bezahlen, als erwirtschaftet wird.. Man sieht: es ist ein endloser Rattenschwanz..

Wir – die Pflegekräfte – jammern und motzen schon seit Jahren, dass die Rahmenbedingungen für die Arbeit in der Pflege nicht mehr ausreichend sind! Wir benötigen ein komplettes Umdenken und Umstrukturieren! Wir benötigen mehr Wertschätzung!

Und dann kam da plötzlich die Pandemie über diese, unsere Welt gerollt.. Und alles veränderte sich in kürzester Zeit.

Man sah plötzlich, wie wichtig die Pflegekräfte sind, die sich täglich meist ohne geeignete Schutzausrüstung auf den Weg zur Arbeit begeben – wohlwissend, dass es einen absoluten WorstCase geben wird, wenn das Gesundheitssystem zusammenbricht! Keiner weiß, wie es weitergeht, wenn sich Pflegekräfte (und andere systemrelevante Berufsgruppen) infizieren! Keiner weiß, wie es weitergeht! Keiner!

Und plötzlich bekommen wir Wertschätzung! Es stehen fremde Menschen in ihren Gärten und auf Balkons, klatschen für die Pflegekräfte und das Internet wird überrollt mit mutmachenden und wertschätzenden Sprüchen und Bildern!

Klar, mein erster Gedanke war eher so einer wie „Was soll das Geklatsche der Leute, davon kann ich mir auch nichts zum Essen kaufen oder meine Kinder einkleiden!“ oder sowas wie „..toll, einmalig 500 Euro? Und danach..?!„. Und dann kam da plötzlich eine Äußerung von Herrn Dr. Markus Söder über eine steuerfreie Einmalzahlung von €500 Euro (bei Vollzeit, 300€ ab 25h pro Woche oder weniger) vom Bayerischen Landesamt für Pflege (den Antrag wird man in den kommenden Tagen dort stellen können!) an alle Pflegekräfte. (Zum Nachrichten-Artikel geht’s hier lang.) Fast zeitgleich kommt es zur Meldung einer einmaligen Zahlung über €1500 für alle Pflegekräfte (Vollzeit, anteilig in Teilzeit) bundesweit. (Zum Nachrichten-Artikel hier entlang.)

Ich muss gestehen, dass mich diese „Einmal-Sache“ und das Geklatsche richtig fuchsig gemacht hat, nein, sogar richtig wütend! Es fühlte sich an wie blanker Hohn, denn diese Arbeitsbedingungen, unter der man als Pflegekraft steht, ist nicht neu, sondern so ergeht es uns seit Jahren!

Ich habe in meiner großen Wut und Enttäuschung über diesen scheinbaren Hohn die letzten Tage zu meinem Mann gemeint, dass ich am liebsten meinen Beruf an den Nagel hängen und mir einen besser bezahlten Job suchen würde. Sollen die doch sehen, was sie davon haben, eine Pflegekraft mehr zu verlieren, die das Affentheater nicht weiter mitmacht..

STOPP!

Seien wir mal ehrlich zu einander: wer geht nicht frustriert nach seinem Dienst heim und überlegt, die Branche zu wechseln?! Und stellt euch alle mal vor, das würde dann jeder wirklich so machen?! Dann wären wir da, wo wir ggf. mit der jetzigen Pandemie sein könnten, wenn durch das Virus das Gesundheitswesen zusammenbräche.

Also heisst es nun an alle: UMDENKEN!

Lasst uns den Applaus der vielen fremden Menschen annehmen! Wir sollten uns freuen über jede einzige kleine finanzielle Zuwendung – auch wenn diese nur einmalig stattfindet! Lasst uns den Mut nicht verlieren, den pflegebedürftigen Meschen beizustehen und unseren Beruf wie eh und je mit Leib und Seele auszuüben – ob mit oder ohne Pandemie! 

Und ich möchte gerne meine Geschäftsführerin zitieren, die mir heute folgenden Text zukommen lies:

[…] Lasst uns gut und verantwortungsvoll mit dieser Aufmerksamkeit umgehen. Lasst uns die Dankbarkeit und den Balkonapplaus annehmen. Lasst unsere Gemeinschaft wachsen, gerade für die Zeit nach der Corona-Krise, um auf Augenhöhe und vor allem selbstbewusst unsere immer dagewesene Systemrelevanz zu erhalten.

Fürchte dich nicht, denn wir sind es wert! […]

Und ja, verdammt! SIE HAT SO RECHT! Wenn wir jetzt noch anfangen, uns über diese Einmal-Zuwendung zu ärgern statt sie zu schätzen, sind wir nur das trotzige kleine Kind, was nicht nur den einen Lutscher an der Kasse will, sondern gleich noch die Schoki, die Kaugummies und die Drops! Wir sollten froh sein, dass wir nun endlich in der Position sind, um wirklich zu zeigen, was uns ausmacht und wieso wir weitermachen!

Denn wir sind SYSTEMRELEVANT

 Kleiner Nachtrag, der mir am Herzen liegt:

Es gibt ein Interventions-Team der Vereinigung der Pflegenden in Bayern an die man sich in der Corona-Krise kostenlos wenden kann! Genauere Infos erfährt man, wenn man dem Link folgt! Es gibt dort psychosoziale, ethische und berufsrechtliche Krisenberatung für alle Pflegenden!

Bleibt gesund!

Eure Liliana


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