Vincent außer Rand und Band – oder: Mamis Selbstzweifel 

Vincent
Vincent in der „Zwergengruppe“

Als Vincent bereits 3 Monate in der „Zwergengruppe“ der Krippe war, kam eines Tages im Januar 2014 eine der Gruppen-Betreuerinnen auf mich zu, um mit mir zu reden. Sabine, so hieß sie, erzählte mir, dass Vincent ‚ziemlich Gas gibt‚ und ich merkte, wie vorsichtig sie mit dem Thema umgehen wollte, um mich nicht gleich zu schocken oder um nicht gleich etwas Falsches zu sagen. Sie meinte im Gespräch, dass er etwas auffällig sei und noch vorsichtiger fragte sie, ob ich vielleicht die Möglichkeit in Betracht ziehen würde, das mal abklären zu lassen.

Und schon stand ich mit Tränen in den Augen da! 

Seit Monaten schon hatte er nämlich ständige Wutausbrüche, sprach mit seinen fast 3 Lebensjahren kaum richtige Sätze, lautierte und äffte alles nur nach, was er hörte (später erfuhr ich, dass man das Echolalien nennt). Bei Wutausbrüchen wurde er autoaggressiv, schrie und man kam einfach gar nicht mehr zu ihm durch – das passierte meist täglich ein bis drei Male. Ich fühlte mich als Mutter wie eine Versagerin, dachte alles falsch gemacht zu haben und hatte das ein oder andere auch schon vor Monaten dem Kinderarzt gesagt, der das nur als eine Phase abgetan hat, die ich einfach abwarten solle. Auch die Eigenart zu laufen, war wirklich anstrengend. Man musste ständig aufpassen, dass er nirgendwo gegen rennt, denn er wandte den Kopf zur Seite und die Augen in die Richtung, in der er lief – und meist promt gegen Möbel oder den Türrahmen. Daher stammt auch seine Narben an der linken Augenbraue – an der Stelle hat er gleich drei mal in drei Jahren eine Platzwunde bekommen, weil er so komisch lief! Ich war am Ende mit meinem Latein! Festbinden konnte ich ihn ja schlecht!

Auch bei den täglichen Wutausbrüchen kam ich selten durch zu ihm. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihn vorsichtig aber gekonnt zu umklammern, mich mit ihm auf den Boden zu setzen und zu wiegen, bis er wieder ruhiger wurde – egal wo es gerade passierte! Ich weiß noch, wie abwertend und unverstanden die Blicke einiger Leute auf der Straße waren, die an uns vorbeigingen oder vorbei fuhren. Ich hab mich so fehl am Platz und unverstanden gefühlt, aber was sollte ich anderes machen? Nur so konnte ich meinen kleinen Jungen beruhigen!

Ich stand also in der Krippe nun heulend vor Sabine, die eh schon das Gespräch sehr vorsichtig geführt hatte, um mich nicht zu verunsichern und wurde wegen meiner Tränen noch unsicherer. Ich dagegen sagte sofort zu ihr, dass ich erleichtert bin, dass es nun endlich auch anderen aufgefallen sei, dass mit Vincent was nicht stimmt und dass ich deswegen weine, weil ich mich einfach die ganze Zeit damit irgendwie alleine fühlte. Ich dachte bis zu diesem Moment, ich bilde mir nur wieder was ein, aber endlich sahen auch andere, dass mit Vincent etwas ist, was anders war als bei anderen Kindern!

Zwei Wochen später hatten wir den Termin für die U7a eh beim Kinderarzt und dort würde ich ihm mitteilen, dass nun auch den Krippen-Betreuerinnen aufgefallen ist, dass was nicht stimmt. Gesagt – getan! Unser Kinderarzt wurde hellhörig und überwies uns zum Zentralklinikum in Augsburg für ein EEG, was aber leider völlig in die Hose ging!

Erst mal war es echt schwer, einen Termin zu bekommen, da die Wartezeiten bis zu 9 Monate dauern. Durch einen Freund in NRW wurde mir ein Termin nur 6 Wochen später gegeben, den ich dann mit Vincent auch wahrnahm!

Vincent war unruhig, wollte ständig aus dem Behandlungszimmer laufen, ließ sich nicht ablenken oder beruhigen, er war wieder kurz davor, richtig ‚aufzudrehen‘ und schrie nur noch. Die Haube für das EEG ließ er nicht zu, selbst mit der Gabe von etwas Melatonin wurde die Untersuchung nach einigen Versuchen unvollendet abgebrochen. Man gab uns einen Brief für den Kinderarzt mit, wo drin stand, dass weitere apparative Untersuchungen (MRT und laborchemische Stoffwechseldiagnostik) nicht nötig seien. Ebenfalls stand darin, dass man uns eine weitere Diagnostik in der Kinder- und Jugendpsychiatrie (=KJP) in Augsburg empfiehlt. Und es stand da zum ersten Mal drin, dass es sich um eine Verdachtsdiagnose aus dem autistischen Spektrum handelt. Ich war baff! Ich hab zwar mit irgendwas gerechnet, aber Autismus?! Das musste ich erst mal sacken lassen…

Joséphine und Vincent
Joséphine mit Vincent in der „Zwergengruppe“

Also füllte ich den mitgegebenen Anmeldebogen für die KJP aus und hoffte auf einen ebenso schnellen Termin. Dieser folgte dank dem Zentralklinikum schon 5 Wochen später im Mai 2014. Aber wie es dort weiterging, erzähle ich ein anderes Mal…


6 Gedanken zu “Vincent außer Rand und Band – oder: Mamis Selbstzweifel 

  1. Eine sehr bewegende Geschichte! Ich wünsche euch auf eurem Weg alles Gute und ganz viel Kraft und Durchhaltevermögen! Ihr macht das super!

    1. Danke Anne! Wir haben schon viele Erfolge erlebt und wir können stolz sein auf das, was er alles gelernt hat! 🙂 Doch es war ein harter Weg. Allein hab ich das nicht geschafft! 😉

  2. Das ist erstmal verdammt auffändig, bis man endlich weiss, woran man ist, denke ich mir. Ich wär auch erleichtert gewesen, dass endlich jemand auch erkennt, was ich erkenne !

    1. Erleichtert ist gar kein Ausdruck! Selbst der Kinderarzt war ja anfangs der Meinung dass es nur Phasen sind. Aber die dauerten mir alle inzwischen zu lange. Und Sabine ist und bleibt meine persönliche Heldin, denn durch die kam endlich ein Stein ins Rollen – und der rollt heute immer noch fröhlich weiter 🙂

    2. das war für sie sicher auch nicht einfach, anche Eltern sind sicher auch stinkwütend, die sich etwas vormachen oder es nicht wahrhaben wollen.

  3. Ja die lieben Ärzte… das kenne wir auch – uns sagte unser damaliger Kinderarzt auch immer das mit dem sprechen komme noch, das sei eine Phase, Jungs seien eben langsamer als Mädchen… das er läuft und in eine andere Richtung schaut macht meiner hin und wieder auch noch, aber es wird besser…

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